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Aachen: Bistumskrise erreicht historisches Ausmaß

Aachen : Bistumskrise erreicht historisches Ausmaß

Zermürbt und abgekämpft wirkt der Generalvikar an diesem Freitagmorgen. Die beispiellose Krise im Bistum Aachen hat Spuren im Gesicht Manfred von Holtums hinterlassen - das 50-Millionen-Loch im Etat, der Abbau hunderter Arbeitsplätze, die geplante Auflösung der acht Regionalstellen, die heftigen Mitarbeiter-Proteste.

„Ich empfinde die Situation als ungeheuer bedrückend. Natürlich auch, weil ich spüre, dass sich Wut und Enttäuschung vielfach gegen mich persönlich richten”, sagt er. Am Abend zuvor hatten alle Katholikenräte der Regionen dem Generalvikar ihr Misstrauen ausgesprochen, kommenden Donnerstag berät der Kirchensteuerrat in einer eigens anberaumten Sondersitzung über ein Misstrauensvotum - auch das ist beispiellos.

Bischof Heinrich Mussinghoff stärkt seinem Generalvikar an diesem Morgen den Rücken, Rücktrittsforderungen weist er zurück. Von Holtum habe dem Bistum bei seinem Amtsantritt 1997 aus hoch defizitären Haushaltsjahren geholfen und die Zahl der Mitarbeiter seitdem ohne betriebsbedingte Kündigungen von 1163 auf 956 gesenkt. Das müsse man würdigen.

Verhaltene Kritik

Kritik äußert er verhalten: „Dass wir nun den fertigen Sozialplan noch nicht vorlegen können, dafür hätte man vielleicht mehr tun können.” Beide betonen im Gespräch mit unserer Zeitung, dass sie sich sehr wohl über die bittere Situation der zu entlassenden Mitarbeiter bewusst sind. „Das schmerzt sehr”, sagt Mussinghoff sichtlich betroffen. Aber man müsse jetzt schnell gegensteuern, um noch Schlimmeres zu vermeiden.

„Die genaue Dramatik unserer Situation wurde uns erst zum Jahreswechsel nach der überraschenden Rückzahlung von 32 Millionen Euro an andere Bistümer beim Clearing-Verfahrens bewusst - davor haben uns weder Verwaltung noch Kirchensteuerrat gewarnt. Niemand konnte das wissen.” Bis Mai muss der neue Haushaltsansatz inklusive Sanierungsplan stehen: „Bei diesem Zeitdruck können wir nicht mehr ergebnisoffen diskutieren. Wir brauchen Leitungsentscheidungen”, macht er am Bischofssitz im Schatten des Doms klar.

Kaum zwei Kilometer entfernt, im Klaus-Hemmerle-Haus an der Harscampstraße, brütet die Initiative „Zukunft Arbeitsplatz Kirche” (ZAK) derweil über Zahlenkolonnen. In einem Konzeptpapier wurde präzise aufgeschlüsselt, wie über bis zu zehnprozentigem Beschäftigungs- und Gehaltsverzicht sowie die Streichung von Urlaubs- und Weihnachtsgeld bis zu 8,5 Millionen Euro jährlich gespart werden können.

Deutschlandweite Schlagzeilen

„Wir strecken die Hand aus zu einem Bündnis für Arbeit und Beschäftigungssicherung”, wiederholt Josef Meiers von ZAK am Freitagmittag bei einer Pressekonferenz für überregionale Medien. Mittlerweile fährt die Aachener Krise deutschlandweit Schlagzeilen ein: „Vom Bischof nur freundliche Worte” titelte die Frankfurter Allgemeine Zeitung jüngst süffisant.

In einigen Tagen sitzt ZAK erneut mit der Bistumsleitung am Tisch. Heute nicht. Erst will man verhärtete Fronten aufweichen. „Wir sind zu Kompromissen bereit, erwarten aber für eine festzulegende Zeit Arbeitsplatzgarantien”, erklärt Dieter Freyaldenhoven von der Mitarbeitervertretung. Genau diese wollen weder Generalvikar noch Bischof unterschreiben.

„Ich kann diese Garantien nicht geben. Deswegen konnte ich mich auch nicht an die Spitze eines Solidaritätsfonds stellen”, erläutert Mussinghoff. Das hatte die ZAK enorm enttäuscht. „Mit ihm würde es uns leichter fallen, um Gelder zu werben”, sagt ZAK-Geschäftsführer Gerd Mertens. Über „Fundraising-Ideen” sollen weitere Spenden erschlossen werden - „das klappt schließlich auch bei der Sanierung des Aachener Doms”. Und doch wissen alle: So einfach geht das nicht. Es kommen weitere zermürbende Tage.