1. Kultur

Aachen: Bewegt und bewegend zugleich: Hans Küngs lesenwerte Lebenserinnerungen

Aachen : Bewegt und bewegend zugleich: Hans Küngs lesenwerte Lebenserinnerungen

„Erkämpfte Freiheit”. Das klingt ein wenig martialisch, trifft jedoch den Inhalt der Memoiren Hans Küngs haargenau.

Nie hat er Feindschaft und Feldgeschrei gemocht und sich nur jene Freiheit genommen, zu der laut Evangelium jeder Christ befreit ist. Deswegen wurde er als katholischer Theologe, der neue Horizonte des Glaubens und des Denkens anvisierte, von Rom verbannt.

Eine Pflichtlektüre für Freund und Feind

Die Erinnerungen des gleichermaßen Umstrittenen wie hoch geachteten bald 75-Jährigen sollte Pflichtlektüre für Freund und Feind werden.

In neun Kapiteln auf rund 600 Seiten wird pralles Leben sichtbar, durchwoben von Dankbarkeit und Urvertrauen. Dankbar vielen Menschen, die begleiteten, stützen und stärken in bitteren Zeiten, gleichzeitig dankbar jener „verborgen gehaltenen Macht und ihrer gnädigen Fügung.”

Das Buch ist gespickt mit einer Fülle unbekannter Tatsachen. Der Entschluss, Priester zu werden , verdankt er einem jener jungen Pfarrhelfer, der ihm das vorlebte, was er einmal als das „befreiend Jesuanische” umkreisen wird.

Das Verhältnis zu Frauen lernte er neben seiner Mutter von fünf Schwestern, ohne Scheu berichtet er vom letzten Kuss eines geliebten Mädchens.

Siebzehn Jahre lang studierte Küng am weltbekannten Collegium Germanicum in Rom Philosophie und Theologie, bevor er dann nach Paris ging.

Was er in der römischen „Kaderschule” lernte? Intellektuelle Selbstzucht, logische Präzision, die Kunst des Unterscheidens.

Man merkt dem Buch lateinische Klarheit des Denkens an, es ist eine weithin zeitkritische Chronik. Das Zusammenwirken mit großen Persönlichkeiten ist spannend zu verfolgen.

Beispielsweise mit Kardinal König, Karl Rahner, Urs von Balthasar, Yves Congar, Ernst Käseman, dem Repräsentanten der Bultmannschule. Förderer ist der spätere Kardinal Volk in Mainz, dessen Assistent Küng an der Uni Münster war.

Selbst der Mailänder Erzbischof Montini und spätere Papst Paul VI. nahm Küng trotz Inquisitionsakte ernst.

Immer wieder ist von Ratzinger die Rede

Immer wieder ist von Joseph Ratzinger die Rede, mit dem Küng einmal zusammenarbeitete und der aus seiner Sympathie keinen Hehl machte, bevor es zur Auseinandersetzung und zum Bruch kam.

Als eine Art Kabinettstückchen narrativer Theologie ist der Bericht über das Konzil anzusehen, an dem Küng als Berater teilnahm. Dass oft polemisch und zu angriffslustig argumentiert wird, geht auf das Konto der Leidenschaft für „ehrliche Verhältnisse”.

Die ersten vierzig Jahre eines bewegten und bewegenden Lebens sind anschaulich, farbig und pointiert, fundiert und anekdotenreich geschildert. Ein zweiter Band ist bereits in Arbeit.