Aachen: Bestsellerautorin Ildikó von Kürthy: „Die Sehnsucht nach dem Hund sitzt tief“

Aachen : Bestsellerautorin Ildikó von Kürthy: „Die Sehnsucht nach dem Hund sitzt tief“

Die Journalistin und Schriftstellerin Ildikó von Kürthy ist gerade 50 Jahre alt geworden, hat weltweit bereits Millionen Bücher verkauft und lebt mit Mann und zwei Söhnen im schönen Hamburg — dennoch fehlte etwas in ihrem Leben: ein Hund. Im Interview mit Marco Rose erzählt die gebürtige Aachenerin, wie ein Goldendoodle namens Hilde ihr Leben gehörig durcheinanderbrachte. Und warum es zu einem Leben mit Hund trotz aller Verrücktheiten keine Alternative gibt.

Frau von Kürthy, der legendäre New Yorker Comedian Jerry Seinfeld hat einmal folgenden Gag gebracht: „Man stelle sich vor, Außerirdische würden unseren Planeten beobachten. Dann sehen sie zwei Kreaturen auf der Straße, von denen eine die Hinterlassenschaft der anderen in Beutel füllt und ihr hinterherträgt. Wen würden diese Außerirdischen wohl als die Herrscher des Planeten Erde ansehen?“ Fühlen Sie sich angesprochen?

Ildikó von Kürthy: Selbstverständlich. Die Benutzung eines Kotbeutels ist eine der vielen entwürdigenden Tätigkeiten, die das Zusammenleben mit einem Hund mit sich bringt. Würde ich als Außerirdischer diesen beschämenden Vorgang beobachten, ich würde sofort wieder umkehren und zu Hause vermelden, dass es kein intelligentes Leben auf der Erde gibt.

Ist Hilde nicht längst die Chefin im Haus?

Von Kürthy: Nein. Solange ich es bin, die die Futterdosen aufmachen kann, genieße ich ein gewisses Maß an Autorität. Ich lebe mit, nicht für meinen Hund.

Von Margarethe Schreinemakers, die mit einem ganzen Hunderudel zusammenlebt, habe ich gelernt: „Sieh zu, dass Du immer der Erste bist, der durch die Tür geht! Sonst hast Du früher oder später ein Problem!“ Haben Sie ähnliche Tipps?

Von Kürthy: Ich habe haufenweise Tipps bekommen und meterweise Fachliteratur studiert. Das Wichtigste ist, sich immer wieder klar zu machen, dass nur der streng und gut erzogene Hund ein freier Hund ist. Ich muss mich als Halter darauf verlassen können, dass mein Hund nicht blindlings auf die Straße rennt, Jogger frisst oder Jagd auf Kleinkinder macht. Wenn ich das nicht kann, muss er entweder stets an der Leine gehen oder ich habe ständig eine Menge Ärger am Hals.

Waren Sie gut vorbereitet, als Hilde bei Ihnen eingezogen ist?

Von Kürthy: Theoretisch ja. Praktisch nein. Ich war nicht mal andeutungsweise vorbereitet auf den emotionalen GAU, den es bedeutet, von Heute auf Morgen der Mittelpunkt der Welt zu sein für einen Welpen, der von nichts eine Ahnung hat. Ich war unsicher, hatte Angst um das Tierchen, trat mehrmals täglich in irgendeine ekelige Hinterlassenschaft oder sah mich nachts bei klirrender Kälte, spärlich und fragwürdig bekleidet im Vorgarten stehen, und Hilde zum zügigen Verdauen ermuntern. Ich war kurz davor, Hilde zum Züchter zurückzubringen.

Wie hat sich Ihr Leben verändert? Wie haben Sie sich durch Hilde verändert?

Von Kürthy: Ich komme mehr an die frische Luft und habe einen Grund mehr, ein schlechtes Gewissen zu haben, wenn ich Hilde mal wieder nicht lange genug Gassi geführt oder nicht hingebungsvoll genug gebürstet habe. Die Körpertemperatur von Hunden ist ein Grad höher als bei Menschen. Und ich habe das Gefühl, dass es bei uns zu Hause auch ein wenig wärmer geworden ist, seit Hilde bei uns ist.

Was sagt denn Ihr Mann zu dem Thema?

Von Kürthy: Mein Mann wollte keinen Hund. Jetzt hat er trotzdem einen. Er hält sich, das war der Deal, aus allem raus, was Hilde betrifft und hat bisher noch keinen Kotbeutel, keine Wurmtablette und keine Zeckenzange in der Hand gehabt. Aber, wie das auch von Schulhöfen her bekannt ist, sind es immer die coolsten Typen, die von den Mädchen am meisten angehimmelt werden. Hilde macht sich abends auf dem Sofa auf entwürdigende Weise an meinen Mann ran und tut so, als sei ich Luft. Eine Ohrfeige für die Emanzipation.

Warum nicht eine Katze? Ein Meerschweinchen? Oder ein Steppenwaran?

Von Kürthy: Katzen sind autark und fühlen sich ihren Haltern überlegen. Sowas hole ich mir doch nicht freiwillig ins Haus! Ich habe zwei Söhne, denen sich meine natürliche Autorität schon nicht immer so erschließt, wie ich mir das wünsche. Meerscheinchen sind mir zu fade und Steppenwarane können nicht Pfote geben und man kann nicht mit ihnen kuscheln. Außerdem bin ich mit Hunden aufgewachsen — die Sehnsucht sitzt tief.

Ärgern Sie sich auch mal über andere Hundehalter? Stichwort: „Der will nur spielen!“ Oder sind das alles nur Vorurteile?

Von Kürthy: Ich ärgere mich ständig über alle möglichen Leute — und die sich über mich. Das bringt der tägliche Hundespaziergang leider oft mit sich. Entweder Hilde wird von hyperaktiven Dackeln belästigt und eingespeichelt oder sie wird selbst zum Stein des Anstoßes. Neulich wurde ich wüst beschimpft, weil ich es Hilde nicht erlaubt hatte, direkt vor einen Ladeneingang zu kacken, sondern sie ein paar Meter weiter zum nächsten Grünstreifen zog. „Man sollte Sie mal von der Toilette runter zerren!“ schrie mir eine Frau nach. Sie trug Pelz. Die Themen für Auseinandersetzungen, in die man mit Hund gerät, sind mannigfaltig.

Wenn Sie mal bitte kurz erklären würden, welche rassebedingten Vor- und Nachteile ein Goldendoodle im Vergleich zu einem Mops oder etwa einem Jack-Russel-Terrier hat?

Von Kürthy: Hilde ist ein Anfängerhund für Leute, die ihr Leben nicht auf ein Tier ausrichten können oder wollen. Sie haart nicht, hat einen pflegeleichten Charakter und ein ausgeglichenes Wesen, wenig Jagdtrieb und keine Lust bei Eisregen vor die Tür zu gehen.

Eine hyperaktive Nervensäge wäre also nichts für Sie?

Von Kürthy: Nein, definitiv nicht. Ich habe zwei Söhne, deren Pubertät vor der Tür steht und einen Mann, der regelmäßige Ansprache braucht. Ich habe einen Beruf und ein träges, aber rheinländisch-dramatisches Wesen und benötige für meine artgerechte Haltung viel Ruhe, Aufmerksamkeit sowie regelmäßige und große Mahlzeiten. Nein, ich brauche keine Nervensäge, ich bin selber eine.

Sie sagen, dass Sie nicht an Hundeliebe glauben. Aber genau deshalb halten Menschen doch Hunde: Weil sie die bedingungslose Treue dieser Wesen schätzen. Weil sie sich geliebt fühlen wollen?

Von Kürthy: Hunde lieben nicht. Liebe ist ein zutiefst menschliches Gefühl. Das heißt aber nicht, dass wir uns nicht trotzdem von unseren Hunden geliebt fühlen dürfen und sie, das ganz besonders, nicht selber lieben dürfen. Das tut wohl und verleiht manchem Leben einen tiefen Sinn. Viele Omas wären wohl längst tot, wenn sie sich nicht mehr um ihre Dackel kümmern müssten. Verantwortung für ein Leben zu haben hält am Leben.

Wie beeinflusst Hilde Ihre Arbeit? Blöde Frage eigentlich. Sie haben Ihr ja ein Buch gewidmet …

Von Kürthy: Sie liegt unter meinem Schreibtisch, so wie jetzt, und stößt ab und zu ein wohliges Seufzen aus. Das beeinflusst vielleicht nicht meine Arbeit, aber ganz sicher mein Wohlbefinden.

Hat sich Ihr Publikum durch das Buch gewandelt? Was erleben Sie bei Lesungen?

Von Kürthy: Meine Lesungen sind lustige Zwei-Mann-Shows und für mich ein Fest — auch weil ich im Anschluss beim Signieren echte Leserinnen aus Fleisch und Blut treffe. Jetzt, nach der Hilde-Show, sind es natürlich meistens Frauchen. Das sind immer ausgesprochen nette, herzliche Begegnungen mit fröhlichen Frauen, die ich alle am liebsten mit nach Hause an den Küchentisch nehmen würde zum Plaudern, Lästern, Feiern.

Kommt Hilde mit nach Aachen?

Von Kürthy: Selbstverständlich. Sie brennt darauf, Harald Schmidt kennenzulernen! Und ich bin bereits höllisch nervös, weil ich zum ersten Mal neben dieser Late-Night-Show-Legende auf der Bühne stehen darf. Ich verehre Harald Schmidt wirklich sehr und es könnte gut sein, dass ich einfach nur sprachlos und ergriffen neben ihm stehen werde. Eine Lesung ganz ohne Ton. Mal was Anderes.

Die Glaubensfrage: Darf Hilde ins Bett? Ich würde wetten, dass bei dieser Frage mindestens zwei Drittel aller Hundebesitzer flunkern …

Von Kürthy: Bei Fragen nach dem, was in deutschen Betten passiert, wird sowieso gelogen, dass sich die Balken biegen. Also ganz ehrlich: Hilde darf nicht ins Bett. Ungelogen.

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