Düsseldorf: Bestsellerautor Manfred Lütz: „Toleranz ist eine christliche Erfindung“

Düsseldorf : Bestsellerautor Manfred Lütz: „Toleranz ist eine christliche Erfindung“

Manfred Lütz ist überzeugt: „Das Christentum ist die unbekannteste Religion der westlichen Welt.“ Der Satz steht am Anfang seines neuen Buchs „Der Skandal der Skandale — Die geheime Geschichte des Christentums“. Der Psychiater, Theologe und Bestsellerautor begründet den Satz damit, dass die kursierenden Informationen über das Christentum „grotesk falsch“ seien und die Religion dadurch nachhaltig erschüttert und unglaubwürdig gemacht hätten.

Über vermeintliche Gewissheiten, die bei genauerer Betrachtung der historischen Fakten überraschenden Neubewertungen wichen, sprach Ekkehard Rüger mit ihm Manfred Lütz.

Herr Lütz, was hat Sie bewogen, elf Jahre nach dem Erscheinen der Veröffentlichung „Toleranz und Gewalt“ des Kirchenhistorikers Arnold Angenendt dessen geschichtliche Aufarbeitung des Christentums noch einmal neu zu erzählen?

Manfred Lütz: Ich bin ja auch Theologe, habe aber das meiste von dem, was ich in „Toleranz und Gewalt“ gelesen habe, selbst nicht gewusst. Es ist eigentlich peinlich, dass zwar viele Menschen in Deutschland vom christlichen Menschenbild und vom christlichen Abendland reden, aber kaum einer weiß, was das wirklich ist. Sogar die Christen selber schämen sich für ihre eigene Geschichte, ohne sie zu kennen. Darum habe ich zehn Jahre lang versucht, eine allgemeinverständliche Kurzfassung dieses brillanten wissenschaftlichen Werks zu organisieren. Der Herder-Verlag hat dann gesagt: Machen Sie das doch selbst. Jetzt ist es mein wichtigstes Buch geworden. Ich habe es noch um einige Themen ergänzt, so dass jetzt auf 286 Seiten alle sogenannten Skandale der Christentumsgeschichte auf dem heutigen Stand der Wissenschaft vorkommen. Ich habe es dann von führenden deutschen Historikern lesen lassen, damit alles stimmt — aber auch von meinem Friseur, damit es schön locker bleibt.

Was war für Sie die größte Überraschung?

Lütz: Zum Beispiel, dass die Hexenverfolgungen von der weltlichen Justiz durchgeführt worden sind und von Kirchenleuten beendet wurden. Außerdem bin ich immer von Millionen Opfern der Inquisition ausgegangen. Inzwischen sind alle Archive offen, und das erstaunliche wissenschaftliche Ergebnis ist: In 160 Jahren hatte die spanische Inquisition 826 Opfer. Das sind natürlich 826 zu viel, aber es sind keine Millionen.

Welche anderen Wissenslücken hat Angenendts Buch bei Ihnen geschlossen?

Lütz: Dass Toleranz eine christliche Erfindung ist, wusste ich auch nicht. Im Lateinischen bedeutet das Lastentragen. Die Christen haben daraus gemacht, Menschen anderer Meinung zu ertragen. Auch Mitleid ist eine christliche Erfindung. Die Heiden hatten kein Mitleid. Wenn jemand behindert war, galt er als von den Göttern geschlagen, und dann beschäftigte man sich am besten nicht mit ihm. Und besonders aktuell: Die Internationalität ist eine christliche Erfindung. Für die Christen waren alle Menschen und alle Völker vor Gott gleich. Das hat das Reich Karls des Großen so stark gemacht, weil sich die germanischen Völker nach der Christianisierung nicht mehr gegenseitig den Schädel eingeschlagen haben.

Also ist die These des Buches, dass die Geschichte ohne das Christentum blutiger und nicht etwa unblutiger verlaufen wäre?

Lütz: Das ist kein Bekenntnisbuch. Ich vertrete keine Thesen, sondern bemühe mich redlich, den derzeitigen Stand der historischen Wissenschaft darzustellen. Es geht nicht darum, die Kirche oder die Christen zu verteidigen, sondern nüchtern festzustellen, was war. Der Religionswissenschaftler Jan Assmann hat seine bekannte These, dass Monotheismus wegen des Absolutheitsanspruchs zu mehr Gewalt führt, 2015 selbst widerrufen.

Relativ am Anfang des Buches begegnet einem der Satz: „Von den drei monotheistischen Weltreligionen ist der Islam am tolerantesten.“

Lütz: Damit ist nicht die Praxis gemeint. Für das Judentum war das Christentum ein Abfall von der wahren Lehre und der Islam ohnehin. Darum gab es da keine Regelungen, wie man mit Christen oder Moslems umgehen soll. Für das Christentum bestand das Judentum schon, Jesus war Jude. Das Christentum musste daher von Anfang an Regeln für den Umgang mit Juden entwickeln. Als schließlich der Islam auftauchte, gab es sowohl das Juden- als auch das Christentum bereits. Also hat er Toleranzregeln für beide Religionen schaffen müssen.

Das Buch schildert die ersten tausend Jahre des Christentums als die Begegnung der Religion der Liebe mit einer Welt der Gewalt. Der Bruch kam mit den Kreuzzügen. Hat das Christentum damit Geister gerufen, die es dann nicht mehr los wurde?

Lütz: Das stimmt, die Kreuzzüge waren ein unchristliches Projekt, denn das Christentum selbst ist gewaltfrei. Dennoch hat die Forschung inzwischen manches präzisiert. So wissen wir zum Beispiel, dass die Kreuzzüge zu keinem Zeitpunkt heilige Kriege zur Verbreitung des Glaubens waren.

Muss man auch beim Umgang der Kirche mit Ketzern trennschärfer unterscheiden?

Lütz: Das ist auch etwas, das ich bei Angenendt gelernt habe: dass im Christentum tausend Jahre lang Ketzer eben nicht verfolgt und getötet wurden. Und danach übernahmen vor allem die Kaiser und Könige die Verfolgung aus der alten Furcht vor dem Gotteszorn als Reaktion auf Gotteslästerung. Daran hat sich dann auch die Kirche beteiligt. Das war unchristlich und ein Rückfall in die Üblichkeiten der Stammesreligionen.

Die Inquisition wird als eine im Ursprung gute Justizreform dargestellt. Das klingt doch sehr befremdlich.

Lütz: Das sage nicht ich, das sagen die Rechtshistoriker. Inquisition bedeutete zunächst einmal, nicht wegen irgendwelcher Denunziationen verurteilt zu werden, sondern aufgrund von Beweisen. Dieses Verfahren wurde dann auch in das weltliche Rechtssystem übernommen.

Und die Inquisition hatte bei den Hexenprozessen eher mäßigenden Einfluss?

Lütz: Die Forschung sagt, dass da, wo die Inquisition Einfluss hatte, wie zum Beispiel in Spanien, Hexenverfolgungen verhindert wurden. Hexenverfolgung fand vor allem da statt, wo sie nicht funktionierte, zum Beispiel in Deutschland.

Beim Kapitel über die Mission kommt die protestantische Variante schlechter weg als die katholische. Woran liegt das?

Lütz: Es geht nicht darum, dass irgendeine Konfession besser oder schlechter wegkommen soll, sondern dass der Stand der Wissenschaft wiedergegeben wird. Deswegen habe ich das Buch auch von führenden protestantischen Historikern lesen lassen, von Heinz Schilling und Christoph Markschies. Die Missionsforschung hat ergeben, dass der Naturrechtsgedanke der Katholiken letztlich zur Vermischung zwischen Europäern und Indianern in Lateinamerika führte, weil die Kirche den Indianern die volle Menschenwürde zusprach. Im protestantisch kolonisierten Nordamerika wurden die Indianer dagegen entweder ausgerottet oder in Reservaten abgetrennt.

Welche Hoffnung verbinden Sie mit dem Buch?

Lütz: Ich glaube, dass eigentlich jeder Christ das Buch lesen muss, denn wenn die ganze Geschichte des Christentums wirklich Mist war, dann ist das Christentum diskreditiert. Aber auch Atheisten müssen das lesen, damit sie verstehen, woher sie kommen, was die Grundlagen unserer Gesellschaft sind.

Mit welcher Bedeutung für die Gegenwart?

Lütz: So gut wie alle Parteien sprechen über „christliche Werte“, jeder beansprucht dabei das Christentum einfach für sich. Aber was das Christentum wirklich ist, das kann man daran sehen, wie es war, wie es wirklich war. Wenn zum Beispiel Internationalität eine christliche Erfindung ist, die das Christentum jahrhundertelang bis heute geprägt hat, dann haben diejenigen, die „Deutschland, Deutschland über alles“ rufen und sich dabei auf das christliche Abendland berufen, nicht eine falsche Meinung, sie sind schlicht nicht informiert.

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