1. Kultur

Berlin: Beliebter „Berufsberliner” mit Herz und Schnauze

Berlin : Beliebter „Berufsberliner” mit Herz und Schnauze

Mit Günter Pfitzmann ist am Freitag einer der populärsten Berliner Schauspieler gestorben, ein „König des Kudamm-Theaters” und des Fernsehens. Er wurde 79 Jahre alt.

Zu seinen langjährigen Partnern auf Bühne und Bildschirm gehörten Wolfgang Gruner, Harald Juhnke und Brigitte Mira.

In den 80er Jahren hatte er große TV-Erfolge in „Berliner Weiße mit Schuss” und schließlich als volksnaher Kassenarzt mit Neigung für die „kleinen Leute” im Berliner Kiez-Milieu in der ARD-Vorabendserie „Praxis Bülowbogen”. Dort spielte er zehn Jahre lang bis Ende 1996 mit und konnte der Konkurrenz der „Schwarzwaldklinik” bemerkenswert Paroli bieten.

Günter Pfitzmann war am frühen Freitagmorgen im Deutschen Herzzentrum gestorben, wo er am Vorabend mit einem erneuten Herzinfarkt eingeliefert worden war.

Erst im April hatte er mit einer schweren Bronchitis zu kämpfen gehabt und deswegen eine Reise zum 79. Geburtstag (8. April) auf seine geliebte Nordseeinsel Sylt verschieben müssen.

Der Schauspieler galt aber als gesundheitliches „Stehaufmännchen”. „Det kriegen wir ooch wieder hin”, war seine Redewendung.

Pfitzmann, der von sich sagte, er habe „alle Töne druff”, hatte „Kumpelcharme” und war ein Berliner Volksschauspieler von Geblüt, hinter dessen polternder Schnod-drigkeit sich ein liebenswerter Mensch verbarg. „So, gloobe ick, kann ick für meine Stadt ooch viel tun”, meinte er einmal.

Er spielte den Professor Higgins im Musical „My Fair Lady” und als Partner von Harald Leipnitz in der Boulevardkomödie „Ein seltsames Paar”.

Populär wurde der „Berufsberliner” mit Herz und Schnauze über die Grenzen seiner Heimatstadt hinaus aber besonders mit Fernsehserien, anfangs mit „Am grünen Strand der Spree” und „Die Unverbesserlichen” (an der Seite von Inge Meysel).

Er redete, wie ihm der Schnabel gewachsen war und hielt mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg - weder beruflich noch privat, darin nicht unähnlich seiner langjährigen Partnerin Brigitte Mira.

Pfitzmann hat gerne gelebt, und unvernünftig, wie er selber einräumte. „50 bis 60 Zigaretten am Tag, zusammen mit dem Zucker ergab das eine schöne Herzoperation.” Das war 1986, als er vom Herzspezialisten Emil Bücherl am offenen Herzen operiert werden musste, der dem Schauspieler vier Bypässe einsetzte.

Bald danach kam sich Pfitzmann wieder „wie ein Rennpferd vor dem Start” vor und meinte: „Jetzt beginnt ein neues Leben. Auch bei einem Auto muss der Motor mal überprüft, die Bremsen nachgezogen werden.”

Zu seinem 70. Geburtstag 1994 hatte er sich statt Blumen eine Spende für herzkranke Kinder gewünscht, für die er sich seit seinem Herzinfarkt von 1986 auch im Rahmen der Deutschen Herzstiftung engagierte.

Jahrzehntelang litt er unter einer Beinverletzung aus dem Krieg, die nie verheilen wollte. Durch sie war er zu 80 Prozent schwerbeschädigt.

Pfitzmann gehörte nach dem Krieg zusammen mit Wolfgang Gruner, Jo Herbst und Wolfgang Neuss zu den Protagonisten des 1949 gegründeten Berliner Kabaretts „Die Stachelschweine”.

Seine ersten Kinofilme widmeten sich der deutschen Vergangenheitsbewältigung, etwa im Stalingrad-Film „Hunde wollt ihr ewig leben” (1958).

Unvergessen ist seine beeindruckende Darstellung des Unteroffiziers in Bernhard Wickis Antikriegsfilm „Die Brücke” von 1959, der vergeblich versucht, eine Gruppe von minderjährigen Hitlerjungen von einem wahnwitzigen Kampfeinsatz gegen die vorrückenden Amerikaner abzubringen.

Im noch jungen Fernsehen erhielt Pfitzmann seine erste Rolle 1958 in „Gestatten - mein Name ist Cox”. Seine markante Stimme war auch im Hörfunk und in den Synchronstudios gefragt, zum Beispiel als deutsche Stimme für Kirk Douglas.

Ende der 90er Jahre stand er mit seinem alten Freund und Weggefährten Harald Juhnke zusammen in dem Fernsehfilm „Letzte Chance für Harry” vor der Kamera.

Der unheilbar an Demenz erkrankte Juhnke lebt seit eineinhalb Jahren in einem Pflegeheim bei Berlin. Pfitzmann war verbittert, dass er seinen Freund dort nicht besuchen konnte.

Nun ist für den Schauspieler Pfitzmann, der noch seine Memoiren schreiben wollte, die „letzte Klappe”, wie es im Filmjargon heißt, gefallen.

Das „alte Zirkuspferd” Pfitzmann, der einmal sagte, er würde sterben, wenn er beruflich zur Ruhe kommen müsste, ist von der Bühne abgetreten. Berlin ist um einen großen Volksschauspieler ärmer geworden. Er hinterlässt seine Frau Lilo und zwei Söhne.