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Düsseldorf: Beklemmende Spurensuche

Düsseldorf : Beklemmende Spurensuche

Keuchend rückt die drahtige, kleine Frau den Zuschauern auf die Pelle.

Hält ihnen ihren nackten Arm unter die Nase, entblößt ein Stück ihres Bauches, sucht mit durchdringendem Blick die Augen der Beobachter, die an drei Seiten die weiße Spielfläche vor der riesigen Leinwand rahmen. Da, am Ende der 80-minütigen Performance, gewinnt die biografische Spurensuche der Tänzerin und Choreographin Katja F. M. Wolf eine beklemmende Wirkung.

Da, als ihr schwitzender Körper zum Objekt degradiert wird und der Theaterzuschauer sich als Voyeur ertappt fühlt, lässt sich zumindest entfernt erahnen, was es bedeuten mag, in einem Überwachungsstaat aufzuwachsen.

Die ersten neun Jahre ihres Lebens kann Katja F. M. Wolf rückblickend durch die Augen eines Fremden sehen. Denn die Stasi hat ihre Familie bis zur Ausreise aus der DDR im Jahr 1979 systematisch bespitzelt. Die dabei entstandenen Protokolle sind Ausgangspunkt für Wolfs Recherche: Mit einem Team aus ost- und westdeutschen Künstlern - Tänzern, Puppen- und Schauspielern, Video- und Sounddesignern - spürt sie ihrer ganz persönlichen und wohl doch so exemplarischen deutsch-deutschen Geschichte nach.

Multimedial

„Treffpunkt 70” nennt die Choreographin ihre multimediale „Bewegungsmeldung”, die sie nun im Düsseldorfer Forum Freies Theater uraufgeführt hat. Was sich anhört wie die Bezeichnung für ein harmloses Senioren-Kaffeekränzchen ist der Codename für die Stasi-Observierung von Wolfs Familie.

Das Erschreckende: Vater, Mutter, Kind verhielten sich nicht umstürzlerischer als eine Runde 70-Jähriger beim Caro-Kaffee. Bespitzelt wurde ihr profaner Alltag im Leipzig der 70er Jahre, notiert und abgeheftet wurden banale Details wie eine Verabredung zum Skatspiel oder der Besuch der Christmette.

Gruselig, wie der Staat ins Privatleben eingreift, doch diese Einsicht wird immer wieder komisch gebrochen. Wenn etwa die distanzierende Stasi-Sprache des informellen Mitarbeiters aus dem Häkelmaul einer Handpuppe dringt. Ein Bär mit sächsischem Zungenschlag, der vorwurfsvoll von einer höchst anrüchigen nächtlichen Party bei Herrn und Frau W. plappert: „Es wurde sich unterhalten!”

Vor der Rückwand, auf die Live-Bilder, Kinderfotos, Schreibmaschinenzeilen projiziert werden, scheinen die sieben Akteure immer wieder auf der Flucht, sie hetzen, jagen, verrenken und verfolgen sich mit Kamera und Mikrofon, hinterlassen schwarze Spuren auf der weißen Fläche. Ein Satz der Erinnerungsreise bleibt hängen: „Es sind die Schatten an unseren Fersen, von denen wir nicht wissen, zu wem sie gehören.”

Wolfs Spurensuche ist trotz aller Privatheit ein - besonders durch die vielen medialen Vermittlungen - doch recht kühl reflektiertes Kopf- und Körpertheater. Ende September ist die Produktion in Leipzig zu sehen, zuvor aber noch Donnerstag und Freitag, 20 Uhr, im Düsseldorfer Forum Freies Theater, Kasernenstraße 6 (Info: Tel. 0211/87678718), sowie am 16. und 17. September im Ringlokschuppen in Mülheim.