1. Kultur

Aachen: AZ-Forum: Optimismus und Mut zu Visionen

Aachen : AZ-Forum: Optimismus und Mut zu Visionen

Kunst, Musik, Theater, ob frei oder öffentlich gefördert - alle Sparten der Kultur haben es nicht leicht in diesen schweren Zeiten. Doch die aktiv Mitwirkenden lassen sich keineswegs verdrießen.

Aachens Kulturdezernentin Isabel Pfeiffer-Poensgen fasste beim Kultur-Forum unserer Zeitung in einer Art Schlusswort zusammen, was wohl alle Beteiligten der Diskussion unterschreiben würden: „Alle in der Kultur Tätigen sind Berufsoptimisten!”

Zuvor bezogen neun Repräsentanten unterschiedlichster „kultureller Provenienz” Position gegenüber dem provokativ gefassten Motto des Abends „Kultur! Warum?”

Wer angesichts des Themas erwartet hatte, dass einmal mehr in larmoyanter Weise der Untergang des Abendlandes beschworen würde angesichts all der finanziellen Kürzungen, der sah sich schnell positiv überrascht.

Die Antworten auf die Frage „Kultur! Warum?” fielen jenseits aller Klischees sehr individuell aus. Jeder der neun Beteiligten schilderte aus seiner eigenen persönlichen Position, Betroffenheit oder Berufung heraus, warum Kultur für ihn, seinen Bereich und den damit verbundenen Projekten ein unverzichtbarer Teil des gesellschaftlichen Lebens darstellt, aber auch welche Probleme sich jeweils stellen.

Neun Teilnehmer in drei Gesprächsrunden - moderiert von den AZ-Redakteuren Sabine Rother und Bernd Büttgens, trafen auf ihre Weise den Kern der Sache, mehr als 200 zum Teil lebhaft mitdiskutierende Zuhörer klatschten immer wieder Beifall.

Das Publikum will verführt sein

„Das Publikum verführen” - wer hätte eine solche Vokabel erwartet von der Ausstellungsleiterin eines Kunstvereins, der sich nicht scheut, in seinen Räumen selbst mit den sprödesten Werken kreativer Zeitgenossen aufzuwarten?

Für Susanne Titz vom Neuen Aachener Kunstverein ist aber das geschickte Ansprechen neuen Publikums und die Präsentation durchaus sperriger Kunst kein Gegensatz - im Gegenteil. Das neue Domizil in der Stadtgartenvilla hat ihren Worten nach einen regelrechten Aufbruch mit sich gebracht, immer mehr ehrenamtlich Aktive unterstützten mittlerweile den Verein.

Freilich hofft Susanne Titz, dass es tatsächlich nur bei dem geplanten städtischen Einschnitt von fünf Prozent an Unterstützung bleiben wird.

Kein Jammern also, statt dessen Nach-Vorne-Denken: Wenn die hintere Gartentür des nachbarschaftlich gelegenen Ludwig Forums erst einmal geöffnet ist, dann sollen hier gemeinsame Projekte über die Ausstellungsbühne gehen.

Ein Stichwort für Harald Kunde, den Direktor des Ludwig Forums, der nicht nur seinen eigenen Ansatz erläuterte, sondern auch das neue Selbstverständnis zeitgenössischer Künstler, die keineswegs mehr in ihrem Elfenbeinturm vor sich hin schafften.

Bei der Frage nach seinen wohl in absehbarer Zukunft mangels monetärer Masse nicht verwirklichten Umbauplänen am Ludwig Forum bleibt Kunde gelassen: Dass er einen langen Atem mitbringen müsste, das habe er schon vorher gewusst.

Heribert Leuchter, freier Musiker, Komponist und Musikproduzent, vertrat denn auch passend in dieser Runde die Position eines zeitgenössischen Künstlers und reklamierte die Unterstützung der „lebenden” Kreativen, die allzu leicht vergessen würden gegenüber dem auch von ihm zugestandenen wichtigen Erhalt von kulturellen Gütern.

Missliche Bestandsaufnahme: „Echte Kunstkultur von heute fristet ein Schattendasein.” Und wenn sie sich mit Anspruch artikuliert, trifft sie auf Argwohn und Kritik - so Leuchters Erfahrung.

Einen Blick über den Tellerrand Aachens hinaus gewährte die Runde mit Karin von Welck, Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder, Volker Plagemann, Vorsitzender des Kulturausschusses im Deutschen Städtetag, sowie Paul Esterhazy, Generalintendant des Theaters Aachen.

Problematisch, was derzeit alles im Schwange ist, um die Kassen der Kommunen aufzufrischen. Plagemann und von Welck wussten ein Lied davon zu singen - bis hin zum Verkauf von Kunstwerken aus städtischem Besitz reicht das Spektrum der Ideen.

Nebenbei ein Seitenhieb auf Aachen: Aus den eine Million Dom-Besuchern jährlich, so Karin von Welck, ließe sich doch eigentlich ein Potenzial gewinnen, das auch den anderen kulturellen Einrichtungen der Stadt zu gute kommen müsste: „Mehr tun!”

Diesen Appell hat Paul Esterhazy zur Halbzeit seiner ersten Amtszeit bereits beherzigt, sein Haus bewegt sich publikumsmäßig und auch was die Anerkennung durch die Kritik anbetrifft, auf dem aufsteigenden Ast, wie Esterhazy erfreut belegen konnte.

Sein in einem Zeitungsinterview gefallenes und „missverstandenes” Wort „Ich bin der alleinige Maßstab für mein Theater” rückte er zurecht: Gemeint sei der eigene hohe Anspruch, den er selbst als Zuschauer an sein Haus anlegen würde.

Was die derzeitige Finanzlage des Theaters angeht, sieht er sich genau so wie seine Mitarbeiter im Moment „verunsichert”. „Man weiß nicht, wie es weitergeht.” Trotzdem: Von Panik ist auch bei Esterhazy nichts zu spüren.

„Nach vorne gucken” heißt die Devise - Volker Plagemann macht diese Maßgabe seit zwei Jahrzehnten allgemein in der deutschen Kulturszene aus gegenüber einem viel zu lange waltenden Zurückschauen in der Vergangenheit.

Aachen, die Stadt, in der er vor 30 Jahren gearbeitet hat, bescheinigte er einen sichtlichen Fortschritt in Sachen zeitgenössischer Kunst und „phantastische Perspektiven”.

Unternehmer mit Herzblut für den Dom

Unternehmer mit Herzblut für die Kultur: Michael Wirtz, Geschäftsführender Gesellschafter der Firma Grünenthal, offenbarte sich als Prototyp dieser Spezies, der sich in seinem Fall dem Erhalt des Aachener Doms verschrieben hat - „dem Symbol der europäischen Integration”, wie er sagt.

Ganz persönlich bekannte er, dass in der Musikalität seiner Mutter der Ursprung der eigenen tiefen Affinität zu kulturellen Dingen liegt. Marcus R. Bosch, Generalmusikdirektor und Hoffnungsträger der „klassischen Szene” in Aachen - er gab sich ganz bescheiden und reichte das viele „Licht, das mich jetzt trifft” ganz brav an seine Musiker weiter: „Das Orchester ist das gleiche geblieben.”

Gleichwohl bemerkte er, dass man es zu lange versäumt habe, auf das Publikum zuzugehen. „Es nützt nichts, immer nur zu schimpfen”, gab schließlich Elmo von Schorlemer, Sprecher der Initiative „Ein Haus für Musik”, zu bedenken und warb gleichfalls durchaus optimistisch einmal mehr für das geplante Projekt eines neuen Konzerthauses an der Monheimsallee.

Visionen lassen sich offenbar auch in Zeiten knapper Kassen nicht unterdrücken. Auch nicht in Aachen, meinte Kulturdezernentin Isabel Pfeiffer-Poensgen selbstbewusst und empfahl, mit dieser Haltung an den eigenen Standort zu glauben und den „Köln-Komplex” endlich abzulegen.

Bernd Mathieu, Chefredakteur der Aachener Zeitung, erläuterte seine Idee zu jener „CultCard”, die bereits auf großes Interesse und beachtlichen Zuspruch unserer Leser getroffen ist.

Mit der „CultCard” können die Interessenten, die sich bis gestern per Postkarte bei der AZ dafür beworben haben, preiswert drei von sechs Theater- und Konzertangeboten sowie kostenlos die Aachener Museen besuchen. Auch um in der Begegnung mit der Kunst gegen solche Gedanken „immunisiert” zu werden, dass Kultur eine unwichtige Sache sei...