Autor Michael Köhlmeier im Interview

Autor Michael Köhlmeier im Interview : Einer, der kein Blatt vor den Mund nimmt

Man kann nicht behaupten, dass die Bücher von Michael Köhlmeier besonders politisch sind. In erster Linie sind sie literarisch, ganz sicher gehört der Österreicher, der 2014 mit dem Aachener Walter-Hasenclever-Literaturpreis ausgezeichnet wurde, zu den bemerkenswertesten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart. Dass Köhlmeier jedoch ein sehr politischer Mensch ist, wird im Interview mit Thomas Thelen deutlich, in dem der 68-Jährige kein Blatt vor den Mund nimmt. „Man darf nicht schweigen“ sagt Köhlmeier, der am 12. November im Aachener Dom lesen wird.

Herr Köhlmeier, 2014 wurden Sie in Aachen mit dem Walter-Hasenclever-Preis ausgezeichnet. Was haben Sie für Erinnerungen an diesen Tag?

Michael Köhlmeier: Das war sehr schön, ich war ganz überwältigt. Es gab im Rahmen der Verleihung eine Diskussion mit Schülern am Einhard-Gymnasium, ich war begeistert davon, wie gut die Schüler vorbereitet waren und wie feierlich die Veranstaltung gestaltet war; das hat mich sehr berührt.

Am 12. November werden Sie im Aachener Dom lesen. Waren Sie jemals im Dom?

Köhlmeier: War ich schon, ja. Das war ebenfalls am Rande der Hasenclever-Preisverleihung.

Was erwarten Sie von Ihrer Lesung an einem solchen Ort?

Köhlmeier: Ich lasse das auf mich zukommen. Ich werde übrigens nicht aus meinem neuen Roman lesen, sondern aus meiner Novelle „Der Mann, der Verlorenes wiederfindet“, die ja die Geschichte des heiligen Antonius von Padua erzählt. Ich denke, dass der Antonius, den ich ja bereits im vergangenen Jahr veröffentlicht habe, mit dieser Lesung im Dom nochmal einen würdigen Rahmen findet. Ob’s ihm gefallen wird, weiß ich nicht, man weiß ja bei ihm gar nichts.

Inwieweit beeinflusst der Ort die Lesung?

Köhlmeier: Normalerweise sind es ja nicht so besondere Orte wie jetzt in Aachen. Man kann das nicht vergleichen mit einer Lesung in einem Gemeindesaal. Eigentlich interessiert mich meist weniger, wo die Lesung stattfindet, sondern mehr, was für Leute kommen. Die Leute sind das Entscheidende; da ist es mir nicht ganz so wichtig, wo ich lese. Der Aachener Dom ist aber schon sehr besonders. Zumal da ein Heer von Toten mithört bei der Lesung, da muss man sich innerlich doch ein bisschen wappnen (lacht).

Lesen Sie gerne aus Ihren Büchern vor?

Köhlmeier: Wenn ich einmal Platz genommen habe und zu lesen beginne, dann tue ich das sehr gerne. Dann ist auch der Stress der Anreise vergessen; das kann ja schon mal ein bisschen mühsam sein. Ich mag es nicht so sehr, wenn der Saal abgedunkelt ist, ich will die Leute sehen. Beim Schreiben eines Buches sehe ich sie ja nicht, bei der Lesung schon. Wenn man plötzlich vor den Leuten sitzt und sich nachher vielleicht noch mit ihnen unterhält, dann ist das schön konkret.

Bereiten Sie sich auf Lesungen speziell vor? Steht fest, welche Passagen Sie lesen?

Köhlmeier: Früher habe ich mir immer gedacht, ich muss die Lesung so zusammenstückeln, dass ich dem Zuhörer einen gesamten Auszug vermitteln kann. Das geht aber nicht bei einem Roman, und es ist nicht gut, wenn ich vor jedem kleinen Stück, das ich vorlese, noch lange erklären muss, was da passiert. Also nimmt man halt etwas raus; ich habe mittlerweile eine größere Gelassenheit als früher. Ich denke mir, es ist nicht schlecht, beim Anfang zu beginnen. Das habe ich mir ja beim Schreiben auch gedacht, also mir die Frage gestellt, warum beginne ich gerade damit? Martin Walser hat das Problem einmal gelöst, indem er dem Publikum gesagt hat, es möge ihm bitte eine Seitenzahl zurufen. Und von dieser Seite an hat er dann vorgelesen. Bei einem Roman geht das, bei einer Novelle ist das nicht so leicht.

Warum nicht?

Köhlmeier: Na ja, eine Novelle wie über den Antonius ist ja eher kurz, da wird ein Bogen gespannt vom Anfang bis zum Ende, da gibt es eine Dramaturgie; da ist die Frage, welche Passage ich lese, schon von Bedeutung. Beim Roman mäandert die Geschichte ganz gerne mal, da muss gar nicht viel passieren. Es ist die Sprache, die mich über 500 Seiten fesseln kann und dafür sorgt, dass ich weiterlesen will. Letztlich ist es immer die Sprache, mit der kann ich fesseln oder langweilen, nicht der Inhalt. Es gibt
Leute, die haben unglaublich viele, tolle Sachen erlebt, können es aber nicht erzählen. Und es gibt Leute, die haben fast nichts erlebt, aber das Wenige, was sie erlebt haben, können sie unheimlich spannend erzählen.

„Der Mann, der Verlorenes wiederfindet“ ist, wie bereits erwähnt, bereits im Vorjahr erschienen. Was denken Sie selbst ein Jahr nach seinem Erscheinen über das Buch?

Köhlmeier: Interessante Frage. Ich habe festgestellt, dass einem immer das Buch, das man gerade fertig hat, unter Umständen ein bisschen auf die Nerven geht. Nach dem Schreiben kommen die Korrekturen, kommt das Lektorat, das ist mitunter ein zäher Prozess. Da ist man einfach froh, wenn das Buch veröffentlicht ist. Mit dem Antonius habe ich aber immer meine Freude gehabt. Dieses Buch habe ich immer sehr, sehr gerne gemocht. Und das hört nicht auf.

Was ist denn das Besondere an diesem Buch?

Köhlmeier: Für mich ist es fast wie ein metaphysisches Auftragswerk. Ich habe das geschrieben aufgrund eines Gelübdes. Ich habe dem heiligen Antonius versprochen, dass ich über ihn ein Buch schreiben werde. Und deshalb bin ich in der feinen Situation, dass ich mich eigentlich gar nicht so sehr für das Buch verantwortlich fühle. Es gibt Bücher, da hat man das Gefühl, die haben sich selbst geschrieben. Und bei dem Buch hab ich dieses Gefühl unbedingt.

Können Sie das noch ein bisschen besser erklären bitte?

Köhlmeier: Das fällt mir nicht leicht. Ich kann nur sagen, dass ich sehr angenehm auf dieses Buch schaue. Da war beim Schreiben keine Anstrengung. Da war vielmehr eine wohltuende Leichtigkeit. Ich wollte es jemandem geben, in dem Fall dem heiligen Antonius, und am Ende hab’s eigentlich ich bekommen.

Sie sprachen von einer Art Gelübde? Darf man sich hierunter ein Gebet vorstellen?

Köhlmeier: In der Art ja. Das ist aber wirklich sehr privat.

Ein zentrales Thema in der Novelle ist die Demut. Sind wir nicht mehr demütig genug?

Köhlmeier: Mir hat sich dieser Begriff nur in der Erzählung, im Schreiben offenbart. In einem Meta-Gespräch wie in diesem Moment – also theoretisch – über den Begriff Demut zu reden, da komme ich ins Stammeln. Bitte sehen Sie mir das nach.

„Bruder und Schwester Lenobel“ von Michael Köhlmeier

Sie schreiben keine politischen Bücher, aber Sie sind ein politischer Mensch und äußern sich zu aktuellen Themen, empfinden das, so haben Sie in einem Interview gesagt, als eine Art Privileg. Sprechen wir also über das Thema Zuwanderung, das wie kein anderes die Schlagzeilen der vergangenen Jahre bestimmt hat. Die Rechtspopulisten sind auf dem Vormarsch. Macht Ihnen das Angst?

Köhlmeier: Manchmal schon, ich erlaub‘s mir aber nicht mehr. Ich habe mit meiner Frau letztens drüber gesprochen und ihr gesagt, dass wir früher ungefähr zehn bis 15 Prozent des Tages über Politik geredet haben. Oder über die Kinder, über alles Mögliche. Heute reden wir
60 Prozent über Politik. Das geht mir eigentlich unheimlich auf die Nerven. Was die Rechtspopulisten hier bei uns in Österreich betrifft, da sieht‘s ja ein bisschen anders aus, da sind wir ja schon seit dem Haider auf dem Vormarsch. Der hatte zum Glück ein Problem.

Nämlich?

Köhlmeier: So charismatisch er als Figur auch war, ihm fehlte der Sündenbock!

Ein Ausländerfreund war er nicht.

Köhlmeier: Natürlich nicht. Er hat zwar damals schon ein Ausländer-Volksbegehren auf den Weg gebracht, weil er wusste, seine Politik braucht einen Feind; diese Rechtspopulisten brauchen ja immer einen Feind. Nur hat das damals zu einer anderen Reaktion geführt, nämlich zu der, dass unglaublich viele dagegen aufgestanden sind. Das war die größte Demonstration, die Österreich je gesehen hat. Gegen Haider und gegen das Ausländer-Volksbegehren. Insofern, das sage ich jetzt ironisch, also in Anführungszeichen, Haider hat „die Gunst der Stunde“ nicht gehabt. Das sieht jetzt leider anders aus. Es stehen nicht mehr so viele auf. Bei der Flüchtlingsfrage geht den Rechten aber ein bisschen das Futter aus. Die Grenzen sind dicht. Deshalb suchen sie sich andere Themen. Sie versuchen ihr einziges Thema irgendwie am köcheln zu halten.

Wie denn?

Köhlmeier: In Österreich soll jetzt ein Verbot rauskommen, dass
man Messer tragen darf, bloß, weil es ein paar Messerstechereien gegeben hat. Dieses Dauerthema der Rechten überdeckt bewusst so
viele andere. Etwa, dass die Schere zwischen reich und arm immer mehr auseinander geht, dass die Mieten kaum mehr bezahlbar sind. Wen interessiert das noch?

Sie haben am 5. Mai beim Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus im Parlament eine bemerkenswerte Rede gehalten und vor allem die Rhetorik führender Politiker ihres Landes im Zusammenhang mit der Flüchtlingsthematik kritisiert. Das war mutig.

Köhlmeier: Was heißt schon mutig? Ich habe doch keinen Mut gebraucht, um das zu sagen.

Mit Blick auf FPÖ-Kanzler Sebastian Kurz und den Nationalsozialismus haben Sie gesagt: „Es hat auch damals schon Menschen gegeben, die sich damit brüsteten, Fluchtrouten geschlossen zu haben.“ Das war schon mutig.

Köhlmeier: Was sollen die mir denn tun? Wenn wir schon soweit sind, dass das mutig ist, wenn man so etwas sagt, dann weiß ich es auch nicht mehr. Und noch zu Kurz:
Ich bin zwar ein absoluter Gegner von ihm, ich halte den nicht aus, aber ich habe das Gefühl, der ist noch ein bisschen so ein Puffer vor den ganz Rechten. Ihr in Deutschland seid ja mit den elf Prozent für die AfD in Bayern noch ganz gut bedient. Die FPÖ hat in Österreich 25 Prozent!

Schlimm genug.

Köhlmeier: Und da sind zum Teil wirklich Nazis am Werk, das ist so. Unser Innenminister (Herbert Kickl, FPÖ, Anm. d. Redaktion) hat in seinem Herzen wirklich Putsch-Pläne. Das weiß man von dem. Und wenn unser FPÖ-Vizekanzler Heinz-Christian Strache vor Burschenschaften sagt, in der Bewegung habe der Antisemitismus keinen Platz, und der anschließende Applaus so dünn ausfällt, dass praktisch nach fünf bis sechs Klatschern Schluss mit dem Beifall ist, dann kann man sehen, was los ist.

Herr Kurz hat Sie für den Vergleich zum Nationalsozialismusin Ihrer Parlamentsrede scharf kritisiert.

Köhlmeier: Jaja, das ist immer der Impuls, wenn man die Parallele zum Nationalsozialismus zieht. Die Frage ist natürlich: Wie soll ich denn aus der Geschichte lernen, wenn ich keinen Vergleich ziehen darf? Lernen heißt ja, einen Vergleich zu ziehen. Die Rede im Parlament war nur sechs Minuten lang. Und wenn sich Herr Kurz angesprochen gefühlt hat, dann war das so beabsichtigt und hat funktioniert. Er hat mich sogar angerufen. Das war der beste Beweis dafür, dass ich mit dem, was ich gesagt habe, etwas ausgelöst habe.

In Deutschland darf man inzwischen auch wieder öffentlich sagen, dass das Holocaust-Mahnmal in Berlin ein „Schandfleck mitten im Herzen Europas“ ist . . .

Köhlmeier: Ich weiß, ich weiß. Das ist unerträglich. Und da muss man dagegen reden. Das können wir nicht hinnehmen. Wir dürfen nicht schweigen. Das geht nicht.