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Aachen: Ausstellungstrias: Da geht schon mal der Überblick verloren

Aachen : Ausstellungstrias: Da geht schon mal der Überblick verloren

Schummerig ist es an den „Orten der Macht“. Und voll. Und warm. An einem normalen Wochentag im September, zu einer Uhrzeit, wenn die meisten Leute in aller Ruhe zu Mittag essen, drängen sich im Krönungssaal des Aachener Rathauses die Kulturhungrigen.

Junge und Alte — zugegebenermaßen vor allem letztere — wollen kurz vor Schluss noch die einzigartigen Exponate aus der Karolingerzeit sehen, die die Stadt Aachen und das Domkapitel in einer Ausstellungstrias zu Karls 1200. Todestag zusammengetragen haben.

 Greifbare Erlebnisse im Centre Charlemagne: Diese fünf Geschichtsstudenten aus Bonn blättern im Faksimile des Lorscher Evangeliars.
Greifbare Erlebnisse im Centre Charlemagne: Diese fünf Geschichtsstudenten aus Bonn blättern im Faksimile des Lorscher Evangeliars.

An diesem Wochenende ist Endspurt der seit drei Monaten laufenden Ausstellungen, die der Stadt so viele Besucher beschert haben wie selten zuvor. Weit über 180.000 Besucher werden sie sich dann laut Schätzung angesehen haben. Damit sei man, so sagen die Organisatoren, absolut am Rande der Kapazitäten gewesen. Vor allem in der vergangenen Woche sei noch einmal ein heftiger Besucheransturm zu verzeichnen gewesen. Die offizielle Besucherbilanz wird am Mittwoch vorgelegt.

Das starke Interesse an den Karls-Ausstellungen hatte sich den ganzen Sommer über in der Stadt bemerkbar gemacht: drei Schauen an drei verschiedenen Orten, das bedeutet mindestens dreimal Schlangestehen vor den Eingängen, immer wieder suchende und fragende Menschen zwischen Münster- und Marktplatz, mit Stadtplänen bewaffnet und aus aller Herren Länder.

Am Sonntag, 18 Uhr, ist also Schluss. Dann werden sowohl Karl und die Karolinger als auch Aachen und die Aachener wieder zum Alltag zurückkehren. Dann wird die winzige bronzene Metzer Reiterstatuette, die mit Sicherheit einen karolingischen Herrscher, aber nur möglicherweise Karl darstellt, an den Louvre zurückgegeben. Das kostbare Kleinod, das die Besucher im Krönungssaal empfängt, ist in den drei Monaten seines Gastspiels in Aachen hoffentlich genügend gewürdigt worden. Leider steht es ganz im Schatten eines lebensgroßen fränkischen Kriegers aus Wachs, der samt Kettenhemd und Zottelpony auch ganz gut bei Madame Tussaud aufgehoben wäre.

Aber auch in Aachen zieht die Puppe im bunten Rock alle Blicke auf sich. Aufmerksamkeit ist den vielen Vitrinen, Videos, Alltagsfundstücken, Modellen und Steinen gewiss, aber das Verständnis bleibt mangels Erläuterungen dann doch häufig auf der Strecke. Trotz Audioguide laufen nicht wenige Besucher ziemlich orientierungslos durch den ziemlich dunklen und ziemlich warmen Raum, der mit Menschen und Exponaten ziemlich vollgestopft und in jeglicher Hinsicht ziemlich laut ist.

Das finden auch Bastian, Tatjana, Denise, Virginia und Alina — fünf angehende Historiker aus Bonn, die eigens nach Aachen gereist sind. Auch sie würden sich mehr Erklärungen wünschen, sie finden: „Inhaltlich fehlt was.“ Zum Beispiel eine gesamthistorische Einordnung und der Bezug zum Motto „Orte der Macht“. Die Darstellung der Sachsenkriege falle sogar „recht einseitig“ zugunsten Karls aus. Die fünf müssen es wissen, sie haben gerade eine Klausur über die Karolinger geschrieben.

Wo waren die Romanisten?

Im Gästebuch, das am Ausgang liegt, schlägt sich dann auch reichlich Enttäuschung nieder: „Schöne Exponate — schlecht präsentiert“, heißt es da. Die Beleuchtung sei „simply a horror“, die Ausstellung „sehr unübersichtlich“ und die Beschriftung „schlecht“, zumal hier nur auf deutsch und englisch, nicht einmal auf französisch erklärt wird. Vieles wird bemängelt, obwohl doch einiges nachgebessert wurde. Und man fragt sich, ob die Romanisten inzwischen alle aus Aachen geflüchtet sind.

Ganz anders der Eindruck im Centre Charlemagne. Das schön und modern gestaltete Innere des alten Verwaltungsgebäudes beherbergt „Karls Kunst“: Außerordentlich kostbare Handschriften, Elfenbeinschnitzereien und Goldschmiedearbeiten sind hier wie in einem Kunstkabinett präsentiert — nicht nur für Wissenschaftler faszinierend. Hier wurde kunsthistorisch und kuratorisch Großes geleistet, finden auch die Studenten, und die Besucher wissen das zu würdigen. Flüsternd versenken sie ihre Nasen in die Vitrinen und ergötzen sich an den mit Goldtinte verzierten Meisterwerken der karolingischen Buchmalerei aus der Hofschule Karls des Großen.

Gold beherrscht auch die Domschatzkammer. Trauben von Menschen drängeln sich vor den Vitrinen mit den „verlorenen Schätzen“ und staunen über Ausmaß und Wert der sakralen Kunstwerke, die einmal dem Aachener Domschatz gehörten und nur vorübergehend hier zu sehen sind. Die Einheit von Kirche, Kunst und Karl — die Domschatzkammer, so scheint es, ist der wahre „Ort der Macht“.