1. Kultur

Ausstellung zum 100. Geburtstag im Bayreuther Richard-Wagner-Museum

Prinzipal mit Ecken und Kanten : Sonderausstellung erinnert an 100. Geburtstag Wolfgang Wagners

Fränkischer Dickkopf, bauernschlauer Charmeur und eiserner Machtmensch: Wolfgang Wagner hat die Bayreuther Festspiele unnachahmlich geprägt. Jetzt wäre er 100 Jahre alt geworden.

Die Sonderausstellung nennt sich „Der Prinzipal“. Gezeigt wird sie im Bayreuther Richard-Wagner-Museum, das in direkter Nachbarschaft zur Villa Wahnfried liegt. „Der Prinzipal“ erinnert an den 100. Geburtstag Wolfgang Wagners, ohne den die Bayreuther Festspiele nach dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Regimes allenfalls noch in Geschichtsbüchern Erwähnung gefunden hätten.

Dass mit seinem Einsatz bereits 1951, sechs Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, die verfemten Richard-Wagner-Festspiele wie Phönix aus der Asche auferstehen konnten, zeugt von einer Tat- und Überzeugungskraft des damals 32-jährigen Enkels des Komponisten, die ihn die folgenden 57 Jahre in seiner Eigenschaft als Festspielleiter nicht verlassen sollten.

Deutschland materiell und moralisch am Boden zerstört, das Festspielhaus eine Ruine, das Ansehen der Festspiele und des gesamten Wagner-Clans mit ihren engen Verbindungen zu Hitlers Verbrecherstaat total beschädigt: All das lastete so schwer, dass an eine Auferstehung der Festspiele kaum zu denken war. Dass es Wolfgang Wagner an der Seite seines zwei Jahre älteren Bruders Wieland gelang, diesen Trümmerhaufen innerhalb kurzer Zeit zu einem funktionierenden und anerkannten Festspielbetrieb formen zu können, der in der internationalen Kulturlandschaft bis heute einen unangefochtenen Spitzenplatz einnimmt, sollte man nicht vergessen. Auch wenn der Prinzipal mit seinen Entscheidungen und seinem autoritären Führungsstil aneckte und in der letzten Phase seines 90 Jahre währenden Lebens seine Nachfolge alles andere als elegant organisierte.

Am Ende konnte er doch auf ein Leben zurückblicken, in dem er alles erreichte, was er sich vorgestellt hatte. Jedem Sturm seiner vielen und oft mächtigen Kritiker und Gegner hielt er stand: mit bauernschlauem Charme und fränkischer Dickköpfigkeit, mit einer einzigartigen Mischung aus innerer Berufung und eisenhartem Machtwillen.

Damit gelang ihm 1951 das Wunder Neu-Bayreuths. Ohne Wolfgangs Macherqualitäten hätte selbst sein Bruder Wieland mit seiner erheblich größeren künstlerischen Potenz bei der Realisierung dieser wahnwitzigen Vision auf verlorenem Posten gestanden. Und es spricht für Wolfgang, dass er 1966 das Flaggschiff deutscher Festspieltradition auch durch die nach Wielands frühem Tod entstandene Krise retten konnte.

Querelen in der Familie

Fast 60 Jahre nach der Wiedereröffnung setzte Wolfgang Wagner, nach jahrelangen Querelen innerhalb und mit der Familie, der Festspiel GmbH und der Öffentlichkeit als Wunschnachfolgerin seine Tochter aus zweiter Ehe, Katharina, durch. Dabei versöhnte er sich mit der lange Zeit verbannten Tochter aus erster Ehe, Eva Wagner-Pasquier, die gemeinsam mit Katharina die Leitung übernahm, und schnürte die „Familienbande“, wie er sein letztes autobiografisches Buch und seine Sippe doppeldeutig nannte, noch enger an das nach wie vor bedeutendste deutsche Musikfestival.

Anders als seine Großmutter Cosima, die Bayreuth zu einer musealen Kult- und Pilgerstätte ihres Gatten Richard stilisierte, erneuerte Wolfgang Wagner den ursprünglich anvisierten „Werkstattcharakter“ Bayreuths. Auch wenn seine eigenen Regie-Arbeiten nie internationale Maßstäbe erreichen konnten und meist provinziell altbacken wirkten, ließ er es zu, dass mit klug kalkulierter Risikobereitschaft Regisseure ersten Ranges auf dem Grünen Hügel erschienen, die starke und innovative Kontrapunkte zu seinem eigenen Stil setzten: Patrice Chéreau für den „Jahrhundert-Ring“, Götz Friedrich für einen skandalösen „Tannhäuser“ mit Hakenkreuzbinden, Heiner Müller für eine atmosphärisch entwaffnende Umsetzung von „Tristan und Isolde“ und Christoph Schlingensief für einen ebenso inspirierten wie bizarren „Parsifal“.

Es waren nicht alles Wunschkandidaten des Prinzipals, oft führte der Zufall das Zepter. Am Ende stellten sich die meisten seiner Entscheidungen als Glücksgriffe heraus. Von der Dirigenten- und Sänger-Elite, die für ein Taschengeld in und über dem „mystischen Abgrund“ schwitzte, ganz zu schweigen. Engagements in Bayreuth galten lange Zeit als „Ehrendienst“. Der Tenor Hans Hopf, ein Star der ersten Neu-Bayreuther Stunde, schwärmte noch Jahrzehnte später: „Ich war stolz, für ein Kotelett den Siegfried singen zu dürfen.“

Bis heute, fast zehn Jahre nach Wolfgangs Tod, hat sich ein zumindest winziger Schimmer dieses Nimbus noch erhalten können. Die im Vergleich zu Salzburg dürftigen Gagen sind ausschließlich an die Größe der Rollen gebunden. Gleich, ob Plácido Domingo den Siegmund singt oder ein unbekannterer Newcomer. Mit eiserner Konsequenz forderte der „Prinzipal“ von jedem Sänger und Dirigenten die lückenlose Teilnahme am gesamten Probenprozess. Platz für kurze Gastauftritte von Superstars, wie man es in diesem Jahr vergeblich mit Anna Netrebko versucht hat, gab es bei Wolfgang Wagner nicht.

Allerdings änderten sich die Zeiten schon zu seiner Amtszeit. Die Ansprüche und Zeitpläne bedeutender Sänger ließen sich immer schwieriger mit den kompromisslosen Vorstellungen und Forderungen des Festspielleiters vereinbaren. Anstatt nachzugeben, nahm er lieber böse und teilweise unwiderrufliche Zerwürfnisse mit zahlreichen Sängern, von René Kollo bis Waltraud Meier, in Kauf.

Bayreuther Probeneinsatz: Wolfgang Wagner (l.) 1981 als „Meistersinger“-Regisseur mit Hermann Prey. Foto: Norbert Rauh

Zur Strategie seines Überlebenskampfs gehörte die Fähigkeit, die Vergangenheit, vor allem die „braune“, gefiltert wahrzunehmen. Dabei ist die Kritik an seiner 1994 erschienenen Autobiografie „Lebens-Akte“, in der er seine Kindheitsjahre auf Adolf Hitlers Schoß nur bruchstückhaft skizziert, zwar berechtigt, aber verfehlt. Als seine Mutter Winifred Hitler kennenlernte und zu bewundern begann, war Wolfgang ganze vier Jahre alt und Hitler politisch noch völlig unbedeutend. 1945 war Wolfgang mit seinen 26 Jahren immer noch jung, und von der Sympathie des Diktators für den Grünen Hügel profitierte ohnehin eher sein Bruder Wieland, der vom Kriegsdienst befreit wurde, während sich Wolfgang im Polen-Feldzug eine schwere Verletzung zuzog.

Aus der sicheren Distanz von heute wäre es sicher ungerecht, einem so jungen Mann vorzuwerfen, sich nicht entschieden dem Bann seiner Mutter und ihres verbrecherischen Idols entzogen zu haben, so wie es seine Halbschwester Friedelind, eine Tochter Wieland Wagners, bereits 1939 getan hat. Viel Beifall brachte ihr die aufrichtige Haltung allerdings auch in Neu-Bayreuth nicht ein. Sie wurde kurzerhand zum „schwarzen Schaf“ der Familie erklärt.

Immerhin erteilte Wolfgang später seiner Mutter, die bis zu ihrem Tod 1980 ihrer Bewunderung für Hitler ohne Abstriche treu blieb, Hausverbot, überwarf sich aber auch mit nahezu allen Verwandten, die sich mit seinem laschen Umgang mit der dunklen Vergangenheit nicht abfinden wollten. Noch kurz vor seinem krankheitsbedingten Rücktritt 2008 sprach er, mit Ausnahme Katharinas, der gesamten Verwandtschaft die Fähigkeit ab, die Leitung der Festspiele übernehmen zu können.

Vorwerfen kann man ihm, dass er die Dokumente aus der Zeit der NS-Diktatur bis zu seinem Tod vor neun Jahren unter Verschluss hielt und nicht einmal seriösen Historikern zur Verfügung stellte. Das erlaubte erst seine Tochter Katharina, die die Festspiele seit mittlerweile zehn Jahren leitet. Sie beauftragte einen Stab von Historikern mit der Sichtung der Hypotheken, sie erinnert im Park des Festspielhügels mit zahlreichen Schautafeln an das Schicksal jüdischer Künstler der Festspiele, und sie fördert wissenschaftliche Symposien wie im vergangenen Jahr zum Thema „Richard Wagner, der Nationalsozialismus und die Folgen“. Die Referate des Symposiums, in denen die Schuld Bayreuths, der Familie, aber auch der angebliche Beitrag Richard Wagners zum Holocaust mit geradezu selbstzerstörerischem Eifer angeprangert wurden, wirkten in dieser überraschend vehementen Wucht allerdings eher irritierend als erhellend.

„Bitte keine politischen Diskussionen!“

Interessant, dass die über Jahrzehnte verdrängte „braune“ Geschichte der Festspiele in letzter Zeit verstärkt auf der Bühne thematisiert wird, wie in der „Meistersinger“-Inszenierung von Barrie Kosky oder dem „Parsifal“ von Stefan Herheim. Dabei haben solche Reflexionen in den Stücken, mögen sie noch so missbraucht worden sein, eigentlich wenig zu suchen.

Solche Fragen berührten Wolfgang Wagner ohnehin nicht. Erst recht nicht 1951. „Hier gilt’s der Kunst“ prangte als Wahlspruch über den ersten Festspielen, verbunden mit der höflichen Bitte, von „politischen Diskussionen“ abzusehen. Eine Entscheidung, die durch Wieland Wagners abstrakten, auf jede Konkretisierung oder Aktualisierung verzichtenden Inszenierungsstil genial eingelöst wurde. Damit ließen sich Gegner beruhigen, und damit richtete man einen unverstellten Blick auf das Werk Richard Wagners, abseits von politischen Einflüssen und ideologischen Verzerrungen, welcher Art auch immer.

Wolfgang Wagner selbst blieb dem kunstbezogenen Motto bis zu seinem Tod treu, öffnete sein Haus jedoch für alternative, teilweise kontroverse Deutungen. Ein Prinzipal mit Ecken und Kanten, mit Widersprüchen, auf jeden Fall jedoch mit unermesslichen Verdiensten für das Werk Richard Wagners und die Bayreuther Festspiele.