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Aachen: Aufbruch ins brodelnde Berliner Kulturleben

Aachen : Aufbruch ins brodelnde Berliner Kulturleben

Was für ein Karriere-Sprung! In der ersten Theater-Bundesliga landet Aylin Esener. Eigentlich könnten sie in Berlin eine Aachener WG eröffnen: Gleich ein halbes Dutzend Schauspieler verlässt zum Ende der Spielzeit das Theater Aachen.

Und die meisten zieht es aus dem Westzipfel in den Osten Deutschlands: aus der „Provinz” mitten ins brodelnde hauptstädtische Kulturleben.

Wie sehen die Zukunftspläne der sechs aus? Mit welchen Gefühlen denken sie an ihre Aachener Bühnen-Zeit zurück? AZ-Redaktionsmitglied Jenny Schmetz hat nachgefragt.

Die 27-Jährige ergatterte ein zweijähriges Fest-Engagement am Deutschen Theater Berlin. Besonders in Christoph Ernsts Inszenierung von „Die Nacht singt ihre Lieder” hatte die junge Darstellerin auch überregional aufhorchen und -schauen lassen - und schon kam die Einladung zum Vorsprechen von der renommierten Ost-Berliner Bühne.

Doch Aylin Esener will nicht in Glamour-Gefilde abheben. Sie bleibt sich treu - ernsthaft und bescheiden: „Ich verspreche mir davon, weiter zu lernen, neue Handschriften kennen zu lernen.”

In ihrer Aachener Anfänger-Zeit habe sie - neben den Arbeiten mit Christoph Ernst - vor allem die Mörgens-Produktion „norway.to-day” geprägt: mit viel Selbstvertrauen ganz nah dran am Publikum.

Zunächst denkt sie aber nur an Urlaub. Der wird aber gerade mal 14 Tage dauern. Denn im August starten bereits die Proben in Berlin. Und zu Beginn wird die Jüngste im Ensemble sofort mit einer Riesenrolle beschenkt: Sie spielt die herrlich-böse Kunigunde in Kleists „Käthchen von Heilbronn”.

Für mobile Esener-Fans: Premiere der Inszenierung von Nicolas Stemann ist am 27. September.

Aylin Eseners Freund Niels Kurvin zieht ebenfalls mit nach Berlin. Ohne sich fest an ein Haus zu binden. „Ich glaube nicht mehr an das Prinzip Stadttheater”, klingt er etwas ernüchtert. Der „Betrieb” hemme zu viele Inspirationen.

Zunächst plant der 27-Jährige daher sein Regie-Debüt mit Profi-Schauspielern an einer Berliner Off-Bühne: die Uraufführung von „East meets West”, einem Stück des in Aachen lebenden Filmregisseurs und Autors Mickey McCooper.

Mit Laien hat Kurvin schon Regie-Erfahrungen als Leiter des Theaterjugendclubs gesammelt, der nun von Cornelia Dörr und Laurens Walter weitergeführt wird.

Diese erfolgreiche Jugend-Arbeit werde ihm sicherlich ebenso in Erinnerung bleiben wie das „körperliche Ackern” mit Regisseur Uwe-Dag Berlin („Der Diener zweier Herren”, „Der Tod eines Handlungsreisenden”) oder das konzentrierte Arbeiten mit Ali Abdullah („norway.today”).

Und selbst wer nicht nach Berlin reist, kann Kurvin demnächst begrüßen - auf der heimatlichen Mattscheibe: „Wenn man gut aufpasst, kann man mich ab Oktober anderthalb Minuten über den Bildschirm huschen sehen.”

Als tollpatschigen Anfänger-Bullen Hartmut in mehreren Folgen der RTL-Serie „Alarm für Cobra 11”.

Tschöö, Aachen - hallo, Berlin, sagt auch eine junge Frau, die den Aachenern sieben Jahre lang viele bewegende Theater-Momente bescherte, die haften bleiben: Nicole Ernst. „Ich bin schon so lange hier, dass es langsam schreit nach Veränderung”, meint sie.

„In Aachen war ich sehr, sehr eingespannt”, blickt sie auf den anstrengenden Proben- und Premieren-Reigen zurück - der ihr gleichwohl etliche tolle Rollen bot: von den geliebten Shakespeare-Partien, die sie gemeinsam mit dem kompromisslos fordernden Energiebündel Michael Klette geradezu sportiv anpackte (zum Beispiel Julia und Rosalinde) bis zu den letzten berührenden Auftritten als Procne in „Die drei Vögel” und Schwester in „Roberto Zucco”.

Bei mehreren Bühnen hat Nicole Ernst nun vorgesprochen, doch ob Engagements dabei herausspringen, steht noch nicht fest. Eins ist allerdings sicher: „Mein Agent hat sich schon beschwert: Du hast ja nie Zeit, um Leute von Film und Fernsehen kennen zu lernen.” Diese Zeit wird sich Nicole Ernst nun nehmen.

Der vierte im Berlin-Bunde ist Johannes R. Voelkel. Mit Frau und Sohn wohnt er bereits in der Hauptstadt - und dreht momentan fürs ZDF eine Rettungsflieger-Serie, die im nächsten Jahr anlaufen wird.

Auf die Aachener Bühne kehrt Voelkel, der besonders gerne den Dubliner Grünschnabel Howie in „Howie the Rookie” verkörperte, aber bereits in der kommenden Saison als Gast zurück: In „Maria Magdalena” spielt er den Karl.

Etwas weiter gen Süden zieht es Andreas Anke. Der 30-Jährige wechselt ans Stadttheater in Würzburg. Am Mainfranken-Theater erwarten ihn zwei Jahre Fest-Engagement und Schauspieldirektor Hanfried Schüttler, den einige Aachener Zuschauer vielleicht noch als Schauspieler vom Grenzlandtheater kennen.

Privat und beruflich fühlte sich Anke in Aachen sehr wohl. Vor allem sein Solo-Abend „Misterman” und die Inszenierungen von Christoph Ernst stellt er als positive Erfahrungen heraus. Aber: „Drei Jahre Aachen sind erst mal genug. Ich brauche jetzt was Neues!”

Den weitesten Trip unternimmt Markus Heinicke. Mit Freunden aus der Wiener Studienzeit hat er sich für eine halbes Jahr eine Wohnung in New York gemietet, um dort „irgendetwas Künstlerisches” zu bewegen. „Ich brauche erst mal diesen kleinen Break, um dann zu gucken, wie es weitergehen wird.”

Ob Theater („Das schlaucht schon ganz schön!”) oder Film - Heinicke hat seine berufliche Zukunft noch nicht geplant.

Beim Rück-Blick auf prägende Erlebnisse sieht Heinicke dagegen klarer: Er nennt den Ödipus, die Arbeiten mit Christoph Ernst und Barbara Beyer: „Bei âFamilie SchroffensteinÔ ist uns zum ersten Mal richtig Kritik entgegengewogt.”

Neben den sechs Schauspielern werden auch zwei Dramaturgen Aachen den Rücken kehren: Claudia Grönemeyer und Marcel Bugiel.

Letzterer hatte vor allem durch seine beliebten Extra-Reihen und Regie-Arbeiten - etwa „Die Vorleser”, „Basisbanalitäten” oder „Große Gefühle” - viele Zuschauer angelockt. Nun wagt sich der 31-Jährige „auf die freie Wildbahn”.

Aus „Erschöpfung und Ratlosigkeit” besonders angesichts des Verhältnisses der Stadt zum Theater: „Wir müssen noch mehr machen und noch mehr machen, um hier eine Existenzberechtigung zu haben - und schließlich doch nur Kürzungen einzustecken.”

Doch Bugiel wird trotzdem weiter ackern - auch als Gast in Aachen. Der „Drang, selber was zu machen”, ist einfach zu stark: Am 19. Dezember startet die „Soap Opera” von ihm und Musiker Gregor Schwellenbach in den Kammerspielen.

Wer wegen der vielen scheidenden Schauspieler in Trauer versinkt, sollte sich mit der Aussicht auf die jungen Neuzugänge trösten: Magdalena Bastian und Denis Pöping (bereits in „Roberto Zucco” im Bühnen-Einsatz), Bettina Ernst, Angela Eickhoff, Enrique Keil und Laurens Walter verstärken das weiterhin 18-köpfige Schauspiel-Ensemble.

Im Musiktheater bleibt hingegen fast alles beim Alten: Allein Kristina Totzek lässt ihren Sopran nur noch als Gast in Aachen erklingen.