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Mönchengladbach: Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden” am Theater Mönchengladbach

Mönchengladbach : Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden” am Theater Mönchengladbach

Ein Zeitstück will Thomas Goritzki am Theater Mönchengladbach aus Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden” destillieren: Ein Stück, in dem die Zeit unaufhörlich fortschreitet, bisweilen quälend still steht, immer jedoch ihre feinen Fäden spinnt, die Vergangenheit und Gegenwart aneinander ketten.

Und weil der Regisseur seine Ideen konsequent verfolgt, lässt er zunächst ein hinkendes Metronom aus dem Off ertönen, Willy Loman, die tragische Hauptfigur, seine Koffer abstellen und auf der Heizung Platz nehmen. Da sitzt er nun, sagt kein Wort, und der Vorhang geht wieder zu.

Die Bühne von Monika Gora geht ein auf diese Zeit-Idee, indem sie dominierend ein Portal zwischen die verloren herumstehenden Tisch, Stühle, Bett postiert: ein gigantisches Fenster einerseits, darunter Heizung und Sitz-Fensterbank. Andererseits aber der Eingang zu einer Art Time-Tunnel, in dem Orte und Zeiten der Handlung wie schwerelos wechseln, durch dessen Vorhänge Personen auf- und abtreten können.

Drittens ist dieses Fenster auch noch Projektionsfläche für allerlei Video-Filme, mit denen verortet werden kann, was die Bühne sonst nicht hergibt. Wenn Willy aus dem Fenster schaut, erscheint das Bild des Gartens, wenn er am Ende tot auf dem Boden ausgestreckt liegt, erscheint das eines Baumes über ihm: Da ist er mit seinem Wagen wohl gegen gerast...

Zu offensichtlich

Das ist alles ein bisschen sehr offensichtlich auf Dauer, wie Goritzki mit dem Stück umgeht, für das der spätere Monroe-Gatte Miller 1948 den Pulitzer-Preis erhielt.

Trotz der die Bühne umstehenden Drahtzäune, die an ein Gefängnis oder einen Basketball-Platz erinnern mögen, gelingt es Goritzki nicht, der Fabel um die in ihren Lebenslügen vermeintlich sichere Familie Loman die politische, gesellschaftskritische Dimension zu erhalten: Goritzki zeigt ein Familiendrama, erzählt die anrührende Geschichte von Willy (noch im Tod um Contenance bemüht: Matthias Oelrich), der ein Leben lang als Vertreter über Land reiste und jetzt ausgemustert wird - mit all den sozialen Folgen. Seine Frau (stoisch: Suly Röthlisberger) deckt die gutbürgerliche Fassade, obwohl sie ein Leben lang betrogen wurde.

Ebenso die Loser-Söhne Happy (Adrian Linke) und Biff. Diese Figur, die Ralf Beckord eindrucksvoll verkörpert, könnte zum Motor der Veränderung werden, wäre sie nicht so tief verletzt, dass sie die Kraft nicht finden kann. Dies arbeitet Goritzki konsequent heraus, so konsequent, dass, als am Ende Willy und Biff sich in den Armen liegen, ein fetter Tschaikowsky-Schwulst aus den Lautsprechern ertönt. Goritzki liebt eben den Holzhammer, den er ironisch verkleidet - und sich damit aus der Verantwortung stiehlt.

Das große Ensemble bringt durchweg profilierte Randfiguren hervor, unter denen einzig der von Joachim Henschke als stigmatisierte Christus-Figur im weißen Anzug verkörperte reiche Onkel Ben die Grenzen des guten Geschmacks verlässt. Reichlich Applaus vom ferienbedingt ausgedünnten Premierenpublikum.