Arte zeugt den Film „Gottes missbrauchte Dienerinnen“

Film deckt Skandal im Skandal auf : „Gottes missbrauchte Dienerinnen“

In den vergangenen Wochen ist viel über Kindesmisshandlungen in der katholischen Kirche diskutiert worden. Auf weitgehende Maßnahmen seitens der Kirchenleitung wird seit dem Krisengipfel in Rom gewartet. Die sorgfältig recherchierte Dokumentation „Gottes missbrauchte Dienerinnen“ des Autorenduos Eric Quintin und Marie-Pierre Raimbault schlägt ein weiteres Kapitel des Missbrauchs auf.

Bei Arte weisen sie am 5. März um 20.15 Uhr auf einen weiteren lange verschwiegenen Skandal ungeheuren Ausmaßes hin. Über zwei Jahre stellten die Filmemacher Ermittlungen an. In dem Dokumentarfilm enthüllen Opfer, ihre Oberinnen, Priester und Nahestehende von Papst Franziskus eines der bestgehüteten Vergehen der katholischen Kirche.

Allein die Kapitelüberschriften des 96 Minuten langen Films sind vielsagend: „Das Schweigen der Opfer“, „Die Unterdrückung der Wahrheit“, „Die Straffreiheit der Priester“, „Sexsklavinnen“, „Das Verbrechen der Abtreibung“ oder „Die unterschlagenen Berichte“. Zeitweise hat der Zuschauer das Gefühl, die Rede ist statt von einer Glaubensgemeinschaft von einer kriminellen Vereinigung. Und niemand der Verantwortlichen in Ortskirchen (hier vor allem Frankreich und Afrika), Orden oder im Vatikan kann behaupten, von alldem nichts gewusst zu haben. Es hat vielmehr den Anschein, dass die, die davon wussten, bewusst geschwiegen und verschleiert haben. Das ist der Skandal im Skandal.

Der Vorzug dieser Dokumentation ist ihre Diskretion. Nicht alle Zeuginnen lassen ihre Aussagen offen filmen. Distanz wird gewahrt durch eine Art Holzgitter, das aus Beichtstühlen bekannt ist. Man ahnt die Gesichtszüge mehr als dass man sie sieht. Die Autoren überlassen dem Zuschauer die Einordnung der Aussagen.

Die geschilderten Übergriffe öffnen den Blick auf ein bislang im Verborgenen verbliebenes ungutes Vertrauensverhältnis zwischen (jungen) Ordensfrauen und ihren männlichen geistlichen Begleitern. Es mögen Einzelfälle sein. Aber sie werden begünstigt durch das Gelöbnis von Gehorsam, Armut und Keuschheit, dem sich Ordensleute unterwerfen und das die beschuldigten Priester schamlos ausgenutzt haben sollen.

Wenn ein Priester die ihm anvertraute junge Ordensfrau „die Liebe Jesu spüren lassen“ wolle und sich selbst in diesem Zusammenhang des körperlichen Kontaktes als „kleines Werkzeug Jesu“ bezeichnet, dann ist das infam und unverzeihlich. Mit Ordensfrauen arbeitende Psychiater sprechen von geistlichen Triebtätern, die ihre Opfer nicht nur körperlich, sondern auch spirituell vergewaltigt hätten. Nicht nur der Körper wird verletzt, sondern auch der Glaube an Gott, der die Frauen ins Kloster oder in eine geistliche Gemeinschaft gebracht hätte.

Wurde ein solche „Verhältnis“ bekannt, wurde die misshandelte Frau aus dem Kloster entlassen, der Priester aber konnte weiter seines Amtes walten. Wichtig war allein, dass das Schweigen über solche Vorfälle gewahrt blieb. Pater Thomas, einer der größten Straftäter, der jahrelang junge Frauen verführte, wurde mit großem Aufwand und bischöflicher Präsenz beerdigt, in der Traueransprache als „Heiliger“ bezeichnet. Schon viele Jahre zuvor wurde ihm untersagt, Gottesdienste abzuhalten oder geistliche Begleitung auszuüben. Ohne Wirkung, er konnte sein Unwesen weiter treiben.

In der französischen geistlichen Gemeinschaft „Die Arche“ wird das Johannesevangelium so ausgelegt, dass die Unterwerfung der Frau legitimiert wird. Die „freundschaftliche Liebe“ verbinde Spiritualität und Sexualität und werde in der „Lebensschule“ umgesetzt. Briefe an den Vatikan machten keinen Eindruck. Das mag damit zusammenhängen, dass Papst Johannes Paul II. in den Mitgliedern der Arche „Soldaten der Evangelisierung“  sah, die seine pastoralen Ziele unterstützten.

Der Hinweis auf angebliche Einzelfälle – hier in Frankreich – wird allerdings obsolet, wenn die Autoren Machenschaften in Afrika und anderen Ländern Asiens und Lateinamerikas aufzeigen. Dem Film zufolge werden dort Nonnen an Priester geradezu verkauft. Sind sie willig, werden sie quasi als Belohnung an Leitungspositionen der Gemeinschaft versetzt.

Für den afrikanischen Sozialwissenschaftler Pater Ludovic Lado sind die Machenschaften des afrikanischen Klerus von der Armut ausgelöst. Der Orden ist arm, also wird mit dem Körper bezahlt. Dies kommt vor allem in Regionen vor, in denen Aids weit verbreitet ist. Das ist eine weitere Ungeheuerlichkeit: Bei Nonnen gehen die Männer davon aus, dass sie nicht infiziert sind und sie sich deshalb auch nicht anstecken können.

Werden Nonnen schwanger, werden sie entweder dazu gedrängt, das Kind zur Adoption freizugeben „als Geschenk an Gott“ oder abzutreiben. Was gemeinhin als schlimmste Sünde gilt und in Predigten zuweilen als Mord bezeichnet wird, wird hier von Ordensleitung und Priestern empfohlen, als würden Regeln nur für andere gelten.

An der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom arbeitet Schwester Mary Lambo an einer Doktorarbeit: „Sexueller Missbrauch von Priestern an Nonnen in Westafrika“. Man darf gespannt sein, ob sie diese Arbeit irgendwann auch veröffentlichen darf.

Fernsehtipp: Arte zeigt die Dokumentation „Gottes missbrauchte Dienerinnen“ Dienstag um 20.15 Uhr.

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