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Düsseldorf: Arbeitslosen-Linie auf den Rücken tätowiert

Düsseldorf : Arbeitslosen-Linie auf den Rücken tätowiert

Seine Videos tragen Titel wie „133 Personen, die dafür bezahlt wurden, sich das Haar blond färben zu lassen”, „Publikum, das transportiert wurde zwischen zwei Orten in Guatemala-Stadt” oder „Drei um 700 Zentimeter verschobene Kuben mit einer Kantenlänge von 100 Zentimetern”.

Santiago Sierra, 1966 in Spanien geboren, brachte Museen dazu, die Arbeit von Asylanten ohne Aufenthaltsgenehmigung zu entlohnen, machte 180 Dollar dafür locker, dass sich sechs junge Arbeitslose in Havanna eine insgesamt 250 Zentimeter lange Linie auf den Rücken tätowieren ließen, und sorgte auf der letzten Biennale in Venedig für Aufsehen, als er erst den Spanischen Pavillon zumauerte und danach lediglich Bürgern mit spanischem Pass Zutritt gewährte.

Das NRW-Forum Kultur und Wissenschaft zeigt ab Donnerstag Fotografien und Videos des Wahl-Mexikaners, der das Soziale und Politische zurück in die Kunst brachte. Santiago Sierras Arbeiten sind geprägt vom Leben in Mexiko-Stadt, der Metropole, in der er seit 1995 - nach Studien in Madrid und Hamburg - beheimatet ist.

Gewalt hat seine Kunst radikalisiert und ist ursächlich für Aktionen wie die, zur Rush Hour einen Lastwagen quer über die Hauptverkehrsader zu stellen und den gesamten Verkehr in Mexiko-Stadt für fünf Minuten zu blockieren. Im Video sieht man zuerst nur einen weißen Balken auf schwarzer Fläche, erst beim Näherkommen offenbart die von Bord eines Hubschraubers aus gefilmte Szenerie das tatsächliche Chaos.

Sierra ist fasziniert von Zahlen und Figuren, er nutzt Mathematik und Geometrie, um damit eine Steigerung der Wahrnehmung hervor zu rufen. Der spektakuläre Spanier ist radikal und minimalistisch zugleich, er thematisiert das Spannungsverhältnis zwischen erster und dritter Welt, gesellschaftliche Zusammenhänge oder soziale Übereinkünfte, über die man normalerweise nicht spricht.

Das Düsseldorfer NRW-Forum zeigt insgesamt 17, zum Teil großformatige, Fotografien, die Sierra als Medien der Dokumentation einsetzt, darüber hinaus sind an sechs Tagen im Obergeschoss sechs verschiedene Videos mit Performences des sozialen Kunst-Provokateurs zu sehen, die zwischen 1999 und 2003 in Schwarzweiß entstanden.