Aachen: „Arabella”: Das Höllische klingt einfach himmlisch

Aachen: „Arabella”: Das Höllische klingt einfach himmlisch

Die „Arabella” ist ja eigentlich eine Operette: Das schöne Töchterchen der verarmten Grafenfamilie - der Patriarch verzockt den Rest des Vermögens beim Kartenspiel - soll eine gute Partie machen und damit die sozialen Absteiger sanieren.

Wir sind in Wien, der Traummann kommt unverhofft und vom Lande, hat die Spendierhosen an und tanzt gern Walzer. Im dritten Akt fliegt die große Liebe beinahe in die Luft, das Ende ist vergleichsweise happy. Nun sind Richard Strauss und Hugo von Hoffmannsthal keine Dummen. Die letzte Zusammenarbeit des genialen Gespanns versteckt eine Menge Tiefsinniges über den Menschen, die Liebe, die Gesellschaft in einem von Kunstfertigkeit strotzenden Geflirre, das im Jahr der Uraufführung 1933 mit seiner antimodernistischen Grundtendenz den neuen Machthabern in Deutschland ausnehmend gut in den Kram passte.

Knifflige Partitur

Am Theater Aachen wagt sich nun das Musiktheaterensemble an die knifflige Partitur. Nach der Premiere - das Publikum spendete frenetischen Applaus ausnahmslos allen Beteiligten - darf man dem Haus attestieren, dass dieses Wagnis gelungen ist. Der späte Strauss ist tückisch, verlangt er gerade dem Orchester Höllisches ab, das dann ganz himmlisch klingen muss. Die Partien der Solisten müssen mit Mozart-Ton spätromantisch tun; und dann diese Unmasse an Text, dieses unausgesetzte verbale Geplänkel, das unvermittelt in überirdische Arien umschlägt.

Generalmusikdirektor Marcus Bosch erweist sich im Graben als überaus souveräner Interpret der anspruchsvollen Straussschen Klangmaschinerie. Das Sinfonieorchester spielt unter seiner Leitung - fast schon gewohnt - auf sehr hohem Niveau. Streicher und Bläser beweisen eine sensible Klangqualität. Das hat ungeheuer viel Charme und Fluss; Bosch arbeitet neben der Schönheit dieser Musik aber auch die fast schon nervösen Seiten dezidiert heraus.

Dass der Abend so gelingt, liegt nicht zuletzt auch am Ensemble der Sänger-Solisten. Für die männlichen Hauptrollen wurden gute Gäste verpflichtet: Bariton Moritz Gogg ist als Traummann Mandryka eine Pracht; Marek Gasztecki stattet den alten Grafen mit allem aus, was ein Bass braucht; und Mark Adler muss seinen schönen Tenor nur ein einziges Mal zum Strahlen zwingen - die Partie des Liebhabers Matteo geht ihm glatt von der Kehle.

Dass die „Arabella” in Aachen auf dem Spielplan steht, hat wohl auch mit der hohen Qualität des weiblichen Ensembles zu tun: Irina Popova glüht für die Titelpartie, ihr Sopran ist fein abschattiert, konzentriert geführt und zum großen Legato fähig. Einen grandiosen Eindruck hinterlässt Michaela Maria Mayer, die die Hosenrolle der Zdenka souverän meistert und eine fantastische Präsenz auf der Bühne zeigt. Schade, dass sie Aachen zum Ende der Saison verlässt und nach Nürnberg geht. Ausgezeichnet ist auch Leila Pfister als Grafengattin Adelaide, zum Schießen Eva Bernard als koloraturjodelnde Fiakermilli. Auch sie beide verlassen das Ensemble.

Dass der immerhin dreieinhalbstündige Abend auch auf der Bühne nicht langweilig wird, ist die Leistung von Ludger Engels, dem Chefregisseur des Hauses. Er hat Ric Schachtebeck eine Bühne bauen lassen, die mit Kassettentäfelung und 70er-Jahre-Mobiliar eine angestaubte Hotel-Atmosphäre verströmt. Hier logiert der Grafenclan, den Engels sehr pointiert zeichnet: Der alte Rittmeister hat neben dem Kartenspiel (mit ziemlich heruntergekommenen Gestalten) genaue Vorstellungen über die Zukunft seiner Sippe. Seine Gattin ist lebensfroh, geht auch schon mal den Liebhabern des Töchterchens an die Figur, kauft aber realistischer Weise bei Aldi ein.

Töchterchen Zdenka muss sich als Junge verkleiden, fläzt sich pubertierend vor der Glotze herum, trinkt Cola aus der Minibar und liebt Matteo, der sterblich für Arabella schwärmt. Auch Mandryka im Leder-Janker gehört zur Reihe der von der Regie ernst genommenen, genau geführten Personen. Der Rest ist Karikatur.

Natürlich will Engels Spaß haben, lässt dauernd possierliche Murmeltiere über die TV-Mattscheibe hopsen, funktioniert eine dekorative Berglandschaft in Öl flugs um in eine Projektionsfläche für Traummann/-frau. Am Schluss kommt Engels gar mit der Natur: Nachdem die ziemlich unglaubwürdige Verwechslungsgeschichte zwischen Arabella und Zdenka - die Silhouetten der Schwestern-Darstellerinnen sind doch sehr verschieden - aufgeklärt ist, verwandelt sich die Hotel-Szenerie in ein wogendes Kornfeld, die Grafenfamilie in eine Herde Damwild. Arabella und ihr Mandryka sehnen sich nach einem Leben fernab der großen Stadt. Auch ganz possierlich.

Die weiteren Vorstellungstermine: 7., 12., 22., 28. Mai; 5. Juni; 3., 7. und 15. Juli, im Theater Aachen.

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