Berlin: „Applaus ist keine Messlatte“: David Garrett startet 2019 „Greatest Hits“-Tour

Berlin: „Applaus ist keine Messlatte“: David Garrett startet 2019 „Greatest Hits“-Tour

David Garrett geht im Mai 2019 zusammen mit seiner Band und der Neuen Philharmonie Frankfurt auf Crossover-Tour. Der Stargeiger wird bei insgesamt 19 Konzerten in Deutschland, Österreich und in der Schweiz neben seinen größten Erfolgen auch neue und neu arrangierte Stücke spielen, einige zum ersten Mal unplugged.

Mit über drei Millionen verkauften Alben und über drei Dutzend Gold- und Platin-Auszeichungen in Europa, Asien und Lateinamerika sowie Millionen verkaufter Tickets zählt der wahlweise als „Jimi Hendrix der Geige“ und „David Hasselhoff der Klassik“ titulierte Aachener zu den größten Stars der heutigen Musikszene. Mit seiner Mixtur aus E- und U-Musik will er Menschen erreichen, die der Klassik sonst fern bleiben.

Bei seiner „Greatest Hits“-Tour spielt David Garrett ein paar seiner Stücke zum ersten Mal unplugged. Foto: Wolfgang Kumm/dpa

Olaf Neumann traf den 38-jährigen Deutsch-Amerikaner in Berlin. Ein Gespräch über seine Zusammenarbeit mit Slash, seine Gesundheit und seinen künstlerischen Anspruch.

Sie gelten als einer der erfolgreichsten Violinisten der Welt. Was verstehen Sie selbst unter Erfolg?

Garrett: Erfolg ist, wenn die Qualität stimmt. Ich habe Konzerte erlebt, bei denen das Publikum ausgerastet ist, aber ich bin deprimiert von der Bühne gegangen, weil ich nicht das abgeliefert habe, was ich kann. Da macht der Applaus keinen Unterschied. Im Gegenteil, er zieht einen eher runter. Andererseits hatte ich auch Konzerte mit minimalem Applaus, bei denen ich mit einem Grinsen von der Bühne ging, weil ich genau wusste, dass ich knapp an 100 Prozent dran war. Applaus ist für mich keine Messlatte.

Sie wurden als Geigenrebell bezeichnet. Gegen wen oder was rebellieren Sie?

Garrett: Das Gefühl zu rebellieren hatte ich nie. Es kommt vielleicht so rüber, weil ich einer der ersten klassischen Musiker war mit einem Standbein außerhalb der Klassik. Das entspricht nicht der Norm. Und wenn etwas nicht normal ist, dann muss es ja irgendetwas Rebellisches sein. Aber ich habe einfach nur Spaß da dran. Mit dem Begriff „Rebellion“ kann ich persönlich nicht viel anfangen.

Braucht man ein höheres Level an Intelligenz, um Klassik zu spielen?

Garrett: Ich habe immer versucht, den Maßstab der Klassik — die technischen Feinheiten und den Sound — in meine Arrangements von Rock- und Popstücken mitzunehmen. Ich wollte immer meine Ausbildung voll ausnutzen und habe nie versucht, irgendetwas leichter für mich zu machen. Im Gegenteil: Wenn ich Crossover spiele, dann will ich die Stücke so arrangieren, dass es auch schwierig wird für den ersten Geiger der Berliner Philharmoniker. Für mich muss es schon ein sehr hohes Niveau haben.

Sind Sie in den Crossover-Bereich gegangen, weil das Klassikpublikum langsam ausstirbt?

Garrett: Ich hatte nie das Gefühl, dass das klassische Publikum ausstirbt. Aber dass man eine neue Generation für irgendetwas faszinieren muss, ist doch ganz klar. Etwas, das Qualität hat, muss man immer mit Leidenschaft bewerben. Dann kann auch nichts aussterben.

Auf Ihrer bevorstehenden Tour unter dem Motto „Unlimited — Greatest Hits — Live 2019“ werden Sie zusammen mit Ihrer Band und der Neuen Philharmonie Frankfurt zu erleben sein. Sind Auftritte die Königsdisziplin, in der man zeigen muss, was man wirklich draufhat?

Garrett: Ja, Konzerte sind die Königsdisziplin. Live greifen das Zusammenspiel zwischen mir, Band, Orchester und die Gedanken, die ich mir über die Produktion gemacht habe, ineinander über. Das ist wirklich ein kleines Gesamtkunstwerk, entstanden aus meiner Fantasie. Wenn ich das zum Leben erweckt sehe, bin ich ein bisschen stolz. Das Schöne ist, dass bei einem Konzert immer alles passieren kann.

Welche Gedanken haben Sie sich über die Tour gemacht?

Garrett: Ganz viele. Ich bin mein Repertoire Stück für Stück durchgegangen. In dem Moment, wo ich mir Musik anhöre, entstehen Bilder in meinem Kopf. Ich sehe gewisse Farben und Lichtstimmungen, die ich für ein Stück haben will. Ich will keine zwei Titel mit derselben Stimmung hintereinander haben. Und es ist wichtig, dass das Licht nicht dem Rhythmus der Musik schadet, sondern dass alles eine Symbiose ist.

Der 74-jährige Pink-Floyd-Schlagzeuger Nick Mason behauptet: „Wer als Musiker bei einem Konzert nicht nervös ist, mit dem stimmt etwas nicht.“ Hat er recht?

Garrett: Ich bin immer noch nervös. Nervosität ist nichts Negatives, obwohl es sicher auch negative Nervosität gibt. Anspannung ist ganz wichtig vor dem Konzert. Andernfalls wäre es einem egal, was man auf der Bühne macht. Wenn du etwas von dir selber erwartest, bist du auch nervös, das ist völlig normal. Und es hört mit dem Alter nicht auf.

Und wie war es in Ihrer Jugend?

Garrett: Mit acht, neun Jahren war ich oft bei Kinderkonzerten hinter der Bühne. Da gab es welche, die sich vor Aufregung übergeben haben und zitterten. Da sollte man überlegen, ob das wirklich der richtige Beruf ist. In dem Moment, wo man auf die Bühne geht, muss man auch die Konzentration haben, die Nervosität wegzudrücken.

Fühlen Sie sich auf der Bühne wie ein Rockstar, wenn Sie Songs von Metallica interpretieren?

Garrett: Ich weiß nicht, ob sich ein Rockstar anders fühlt als jemand, der klassische Musik spielt. Vielleicht ist bei manchen Klassikkünstlern sogar mehr Adrenalin im Körper als bei so manchem Rockstar. Es macht für mich keinen Unterschied, in der Philharmonie auf der Bühne zu stehen oder in der O2-Arena.

Welche Rockstars haben Sie alles getroffen?

Garrett: Schon einige. An Slash kann ich mich gut erinnern. Ich traf ihn in Los Angeles in seinem Studio. Er hat mich sehr beeindruckt, weil er ein sehr lieber, ruhiger und besonnener Typ ist. Es gab sicher Zeiten, wo er anders war.

Warüber haben Sie mit Slash gesprochen?

Garrett: Über Musik. Über ein Arrangement, das ich für „November Rain“ gemacht habe. Es war ein ganz entspanntes Gespräch. Slash war überhaupt nicht arrogant. Die meisten älteren Musiker aus dem Rock‘n‘Roll-Bereich sind sehr bodenständig.

Sind Sie mit Slash um die Häuser gezogen?

Garrett: Nein, ich wollte kein schlechter Einfluss sein. (lacht)

Was darf auf einer David-Garrett-Tournee auf keinen Fall im Gepäck fehlen?

Garrett: Ich habe immer extra Saiten dabei, weil mir ab und zu eine E-Saite reißt. Mir reicht es, wenn ich hinter der Bühne Tee und frisches Wasser bekomme. Ein Stuhl wäre auch schön.

Ist es wirklich herauszuhören, ob ein Musiker existenziell bei der Sache ist?

Garrett: Ich merke das bei der Geige, weil es mein Instrument ist. Wenn man ein Stück weit die Konzentration verliert, kann man eine schwierige Phrase nicht gut spielen. Man merkt, ob jemand nicht nur technisch auf einem hohen Niveau spielt, sondern ob er auch mit der Musik agiert. Das sind ganz kleine Nuancen, wenn das Orchester ein Pianissimo hat und der Geiger in dem Moment zu viel gibt, wenn es völlig unnötig ist.

Was ist das Besondere an Ihrer Geige?

Garrett: Sie hat eine gute Tonfarbe. Bei mikrofonierten Konzerten ist die Tonfarbe wichtiger als die Tragfähigkeit. Das Beißende einer Stradivari auf der E-Seite brauche ich bei mikrofonierten Crossover-Konzerten nicht. Eine Nicht-Stradivari klingt mit Mikrofon manchmal sogar besser als eine Stradivari.

Hat Ihre Stradivari Launen wie eine Diva?

Garrett: Ich habe eine sehr bodenständige Stradivari. Darüber bin ich wahnsinnig glücklich. Als ich sehr jung war, hatte ich eine Stradivari, die wirklich eine Diva war. Dieses Instrument machte zwei Stunden bevor es regnete zu. Das war sehr unangenehm. Diese Geige klang wunderbar zwischen 50 und 60 Prozent Luftfeuchtigkeit, aber darüber und darunter ging gar nichts mehr. Als ich mir dann selbst etwas kaufte, war es mir ganz wichtig, ein Instrument zu haben, das keine Charakterschwankungen hat.

Haben Sie auf Tour jemanden, der sich ausschließlich um Ihr wertvolles Instrument kümmert?

Garrett: Ich würde meine Geige nicht unabgeschlossen irgendwo liegen lassen. Aber wenn jemand mit einem Maschinengewehr kommt, ist sie halt weg. Aber was will derjenige mit der Geige machen? Sie ist in so vielen Büchern abgebildet. Diese Person könnte meine Stradivari nie öffentlich zeigen, sie könnte sie sich höchstens im Keller bei Kerzenschein angucken. Aber das macht ja auch keinen Spaß.

Ein Pianist spielt jedes Konzert auf einem anderen Flügel, aber ein Geiger ist abhängig von seinem Instrument. Warum ist dem so?

Garrett: Ganz ehrlich: Wenn vor jedem Konzert ein Instrument für 80\.000 Euro vorliegt, hätte ich damit auch kein Problem. Das ist ja die Qualität, die der Pianist kriegt. So schlecht sind seine Karten also nicht. Klar würde ich es auch hinbekommen, wenn man mir eine Geige für 2000 Euro hinlegen würde. Aber für das Publikum wäre das kein so großer Genuss, weil das Instrument nicht die nötige Tragfähigkeit hat. Mit meiner Violine von Jean Baptiste Vuillaume, die ich momentan bei meinen Crossover-Konzerten spiele, liege ich preislich noch unter einem Steinway-Flügel. Damit bin ich nicht elitärer als die Pianisten.

Üben Sie heute noch genauso viel wie in Ihrer Kindheit und Jugend?

Garrett: Leider Gottes kann ich mir bei meinem Instrument nicht erlauben, weniger zu üben. Ohne ein Fundament von zwei bis drei Stunden am Tag geht es nicht, sonst verliert man seine Fingerfertigkeit und Intonation. Ohne diese Übereinheiten bleibt das Spiel nicht intuitiv. Ich habe zeitweise sogar noch viel mehr geübt, aber darunter leidet irgendwann der Körper.

Wie anstrengend ist das Spielen körperlich?

Garrett: Nach zwei Stunden bin ich richtig durchgeschwitzt. Das ist ein Anzeichen, dass es auch eine körperliche Arbeit ist. Ich gehe nicht davon aus, dass es nur an den Scheinwerfern liegt.

Sie mussten dieses Jahr wegen eines Bandscheibenvorfalls viele Konzerte verschieben. Hatte das etwas mit dem Spielen zu tun?

Garrett: Ja, es ist sicher auch durchs Spielen gekommen. Irgendwann verspürte ich ein Kribbeln und Taubheit in den Fingern. Ich habe dann eine Pause eingelegt und eine Physiotherapie gemacht.

Fühlt sich das Spielen jetzt anders an?

Garrett: Es ist das erste Mal seit vielen Jahren, dass ich überhaupt kein Zwicken und Zwacken habe. Ich konnte zuletzt nicht mehr spielen, das war nicht angenehm. Wenn man über 27 Jahre jeden Tag für mehrere Stunden eine Geige in der selben Position hält, treten irgendwann Anzeichen des Verschleißes auf.

Haben Sie Prioritäten verschoben?

Garett: Ich gucke, dass ich die Kerze nicht an beiden Enden anzünde. Die Zeiten sind vorbei, wo ich trotz Jetlag hintereinander vier, fünf Konzerte, mittags noch ein Corporate Event und am nächsten Tag zwölf Stunden Promo gemacht habe.

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