1. Kultur

Aachen: Apokalytische Klangfassade in dunkler Färbung

Aachen : Apokalytische Klangfassade in dunkler Färbung

Da zuckte mancher zusammen. „Künstliche Paradiese” waren angesagt, und das 1. Sinfoniekonzert der Saison setzte mit einer geradezu diabolisch aggressiven Druckwelle ein.

Im Konzert für Saxophon-Quartett und Orchester des prominenten spanischen Komponisten Cristbal Halffter flackern paradiesische Visionen nur episodenhaft auf.

Ausschließlich im beruhigten Mittelteil, in dem sowohl Halffters Sinn für raffinierte Klangmischungen als auch das spezifische Kolorit des Solistenquartetts zu ihrem Recht kommen können.

Erdrückt wird dieses Schein-Idyll von zwei vehement dreinschlagenden Eckblöcken mit pessimistischem Beigeschmack.

So interessant die Begegnung mit dieser Rarität sein mag, ein bisschen bedauerte man schon, dass das phänomenale Raschér-Quartett vom eisenharten Orchesterklang weit gehend überrollt wurde.

Was die vier Bläser zu bieten haben, konnten sie lediglich im Mittelteil und der Zugabe zeigen, einer einfühlsamen und glasklaren Interpretation einer Fuge aus Bachs „Wohltemperiertem Klavier” (2. Teil).

Hatte das Aachener Sinfonie-Orchester bei Halffter vor allem für eine apokalyptisch bedrohliche Klangfassade zu sorgen, verlangt Gustav Mahler mit seiner fünften Symphonie Dirigent und Orchester einiges mehr ab.

Dabei überrascht nicht, dass Generalmusikdirektor Marcus R. Bosch auch diesem populären Mahler-Opus erfreulich markante Konturen verleiht.

Opulenz ist dabei

So behält etwa der Kopfsatz über seine gesamte Länge die Wucht und Ruhe des vorgesehenen Trauerduktus.

Die klangliche Opulenz und spieltechnische Sicherheit, mit der das Orchester diese Kraftprobe bewältigt, unterstreicht die Fortschritte, die die Arbeit mit Bosch erbrachte.

Zu den zentralen Problemzonen des sperrigen Werks zählt das Scherzo, durch dessen Überlänge sich Bosch nicht zu überzogenen Tempi hinreißen lässt.

Auch hier behält er die Fäden mit eiserner Konzentration in der Hand, so dass der ländlerartige Tonfall des Ungetüms plastisch zur Geltung kommen kann.

Film und Fernsehen mögen das „Adagietto” noch sehr sentimentalisiert und überzuckert haben: Bosch zieht mit der ihm eigenen Eigenwilligkeit das Tempo bewusst an, entfaltet einen ungewöhnlich schlanken Streicherklang und betont die fließende Melodik des Satzes.

Eine gelungene Entschlackungskur für den so oft misshandelten Ohrwurm.Vor manchem Leerlauf im besonders heiklen Finale muss freilich auch Bosch kapitulieren. Warum sollte es ihm da besser ergehen als sogar einem Simon Rattle?

Gleichwohl bleibt er seiner konzentrierten, unsentimentalen Werksicht treu und führt das Werk zu einer voluminös-brillant geformten Schlusshymne.

Dass der aufgebauschte Jubel große Ängste übertönen soll, wird nicht immer deutlich. Darin erschöpft sich freilich schon die Kritik an einer von ausgeprägtem Stil- und Formbewusstsein bestimmten Interpretation.