Anklage gegen die Gleichgültigkeit: „Lab.Oratorium“ in Köln

Kölner Gürzenich-Orchester : Neues Projekt als tief bewegende Anklage gegen die Gleichgültigkeit

Ehrgeizig, aufwendig und höchst aktuell: Philippe Manourys „Lab.Oratorium“ widmet sich dem Schicksal Geflüchteter. Uraufgeführt in Köln, demnächst in Hamburg und Paris.

Es ist mit Sicherheit das ehrgeizigste, aufwendigste und aktuellste Projekt des Kölner Gürzenich-Orchesters in dieser Saison: die Uraufführung von Philippe Manourys „Lab.Oratorium“. Eine 90-minütige, tief bewegende Auseinandersetzung mit der Flüchtlingsproblematik, die demnächst auch in Paris und in der Hamburger Elbphilharmonie gezeigt wird.

Besetzt ist das Werk mit zwei Schauspielern, Sopran, Mezzosopran, Kammerchor, großem Chor, Live-Elektronik und großem Orchester. Bombastischer geht es kaum.

Auch wenn Manoury den dynamischen Regler oft bis zum Anschlag aufdreht, hinterlassen doch die eher nachdenklichen Töne den nachhaltigsten Eindruck. Dazu trägt die kluge Textauswahl einen beträchtlichen Anteil bei. In zehn Abschnitten wird das Schicksal von Bootsflüchtlingen den Gästen eines luxuriösen Kreuzfahrtschiffs auf dem Mittelmeer gegenübergestellt.

Dafür hat Regisseur Nicolas Stemann vor allem dunkle, eher pessimistisch gefärbte Texte von Ingeborg Bachmann, Georg Trakl, Hannah Arendt und Elfriede Jelinek zusammengestellt, wobei Manoury an das letzte große gemeinsame Projekt mit Jelinek anknüpft, der ebenfalls zeitkritischen Performance „Kein Licht“ im Rahmen der Ruhrtriennale 2017.

Die Schauspieler Patrycia Ziolkowska und Sebastian Rudolph verbinden die Szenen mit teils scharfzüngigen, teils beklemmenden Zeugenberichten und von Stemann getexteten Spielszenen, während der gewaltige musikalische Apparat, über die Kölner Philharmonie verteilt, faszinierende Raumklang-Effekte ermöglicht. Ein Apparat, den der Widmungsträger des Werks, der Kölner Generalmusikdirektor François-Xavier Roth, mit Umsicht, aber auch spürbarem Herzblut durch den eindrucksvollen Abend steuerte. Kein Konzert für den Alltag, sondern eine Anklage gegen die Gleichgültigkeit angesichts des anhaltenden Sterbens im Mittelmeer.

Manoury erweist sich wieder als Klangmagier, der die Solostimmen, die beiden Chöre, das Orchester und die vom Pariser Institut für elektroakustische Forschung (Ircam) produzierte computermusikalische Realisation souverän beherrscht. Dass manches plakativ wirkt, etwa die oberflächlich aggressive Chorpassage zu Trakls „Grodek“, wird rasch durch sensiblere Töne aufgefangen.

Nach dem Kraftakt mit Bernd Alois Zimmermanns Oper „Die Soldaten“ in der vergangenen Saison zeigt sich das Kölner Gürzenich-Orchester erneut als exzellenter Sachwalter Neuer Musik, der dem WDR-Sinfonieorchester in nichts nachsteht. Dass man auch beim SWR-Vokalensemble, den Technikern der Ircam und dem exzellenten Solistenensemble nicht an Qualität sparte, bekräftigt den Ausnahmecharakter der faszinierenden Produktion.

Mehr von Aachener Nachrichten