1. Kultur

Aachen: Anhalter-Mord: Schonfrist bis August für Egidius Sch.

Aachen : Anhalter-Mord: Schonfrist bis August für Egidius Sch.

„Er lacht noch. Aber nicht mehr lange!” Volkesstimme kommentierte am Donnerstag das Auftreten des mutmaßlichen Serienmörder Egidius Sch. (52) aus Viersen kurz vor dem erwarteten Urteil der Aachener Schwurgerichtskammer.

Doch das Volk sollte sich täuschen, das Lachen beim Angeklagten blieb. Bereits früh war absehbar, dass die Verhandlung noch einmal um Wochen verschoben wird. Tatsächlich war zwei Stunden später der erwartete Frust angesagt, die Kammer verschob das Urteil und vertagte sich auf den 12. August.

Zu Beginn, als der Vorsitzende Richter Gerd Nohl mit zwei weiteren Richtern und Schöffen eintrat, war knisternde Stimmung im Saal. Weit mehr als hundert Zuschauer und ein stattlicher Medienpulk erhoben sich von den Stühlen, mit ihren Anwälten waren Mütter, Geschwister und ein Sohn der Getöteten gekommen.

Sie kamen genährt von der Hoffnung, nach langen Jahren der Verdrängung - die fünf Taten datieren von 1983 bis 1990 - endlich Gerechtigkeit zu erfahren und den nach ihrer Meinung längst überführten mutmaßlichen „Anhalterinnenmörder” verurteilt zu sehen.

Dietz macht Ernst

Doch Verteidiger Rainer Dietz (Aachen) machte auf den allerletzten Drücker Ernst mit dem bereits mehrfach angekündigtem Vorhaben, auf der Ziellinie den Kopf seines Mandanten doch noch aus der Schlinge ziehen zu können.

In zwei Beweisanträgen, über deren Schlüssigkeit das Gericht entscheiden muss, forderte der Anwalt, die „der Spurenakte 86” heranzuziehen. Hintergrund: Im Fall der damals 15-jährigen Andrea W. war von der Kripo bereits 1984 kurz nach der Tat ein Verdacht verfolgt worden, der einen Mann aus Herzogenrath betraf.

Jener verstorbene Merksteiner Hermann B. ist der Gegenstand der Akte. Der ehemalige Glasmacher soll bei seinem Selbstmord im Jahr 1987 Gerüchten zufolge ein geständisgleiches Schreiben hinterlassen haben, das sich auf den oder die Morde beziehen sollte.

Bei Opfer Angelika S. (17), die im September 1984 vergewaltigt und erdrosselt wurde, fand man außer dem Sperma des jetzigen Angeklagten Sch. - ein DNA-Abgleich stellte das unumstößlich fest - ein fremdes Schamhaar von einem Mann mit der seltenen Blutgruppe AB. Das Szenario: Auch der Merksteiner habe nach der Akte jene Blutgruppe und komme mithin, so hieß es in einem Beweisantrag, zumindest für einen der Morde in Betracht. Auch die Todesermittlungsakte von 1987 solle beigezogen werden, die Kölner Rechtsmedizin könne die Blutgruppe bestätigen.

20 Seiten lesen

Der Vorsitzende hatte die Akte sofort von der Mordkommission in den Saal bringen lassen, die Ermittlungsbeamten waren beinahe komplett erschienen. Die Akte wurde zwölf Mal kopiert, ein Exemplar für die Verfahrensbeteiligten. Dann reichte Anwalt Dietz die 50-minütige Lesepause für 20 Seiten nicht, er beantragte die Verschiebung des Prozesses auf den nächsten anberaumten Verhandlungstag.

Staatsanwalt Ralf Bücker war energisch, wollte die Beweisantrag direkt und vollständig vom Tisch haben: „Ich beantrage, die Anträge zurückzuweisen. Es handelt sich ausschließlich um Gerüchte.” Die Lesepause sei genügend lang und die ermittelnde Polizei habe garantiert kein Geständnis unter den Tisch fallen lassen, meinte der Staatsanwalt.

Richter Nohl und die Kammer wollen angesichts eines Verfahrens voller Überraschungen und unglaublicher Skurrilitäten gründlich vorgehen - es wurde vertagt, am 12. August geht es ab 14.30 Uhr im Aachener Schwurgerichtssaal weiter. Dietz macht sich um seinen Schützling keine Sorgen: „Sie wissen ja von der SM-Neigung meines Mandanten. Er fühlt sich in der Haft wohl.” Skurriler geht´s nimmer.