Interview mit dem Leiter des Ludwig Forums: Andreas Beitin übernimmt Leitung des Kunstmuseums Wolfsburg

Interview mit dem Leiter des Ludwig Forums : Andreas Beitin übernimmt Leitung des Kunstmuseums Wolfsburg

Der Leiter des Ludwig Forums für Internationale Kunst in Aachen, Andreas Beitin, wechselt als Direktor ans Kunstmuseums Wolfsburg. Beitin werde das Amt zum 1. April 2019 übernehmen, teilte das renommierte Ausstellungshaus am Dienstag in Wolfsburg mit.

Das ging ja jetzt ganz schnell. Erst am Freitag hatte das Kunstmuseum Wolfsburg die Trennung von seinem Direktor Ralf Beil bekanntgegeben; der 53-Jährige geht im Streit und wurde mit sofortiger Wirkung von seinen Dienstpflichten freigestellt. Seit Dienstag ist offiziell bekannt, dass Andreas Beitin (50), seit 1. Februar 2016 Direktor des Aachener Ludwig Forums, Beils Nachfolger wird und zum 1. April 2019 nach Wolfsburg wechselt. Mit Beitin sprach unsere Redakteurin Claudia Schweda.

Herr Beitin, was reizt Sie an der Leitung des Kunstmuseums Wolfsburg?

Andreas Beitin: Das Programm des Hauses verfolge ich seit vielen Jahren mit großem Interesse und war immer begeistert von den beeindruckenden Möglichkeiten, dort Ausstellungen zu machen. Ganz besonders reizt mich ebenso die Möglichkeit, im Kunstmuseum Wolfsburg neben dem Schwerpunkt der zeitgenössischen Kunst auch Ausstellungen mit Positionen der Klassischen Moderne zu realisieren.

Haben Sie schon einmal mit dem Haus zusammengearbeitet?

Beitin: Bis jetzt hatte ich mit dem Kunstmuseum Wolfsburg nur über Leihgaben zu tun. Aber ich kenne einige der neuen Kollegen persönlich und freue mich auf die künftige Zusammenarbeit.

Das Kunstmuseum wird getragen von der VW-Stiftung. Ihr Vorgänger Ralf Beil wurde vorige Woche entlassen. Er selbst glaubt, dass er einigen zu kritisch und unabhängig gewesen wäre – für 2019 hat er eine Ausstellung über „Oil. Schönheit und Schrecken des Erdölzeitalters“ angekündigt. Auch Sie beziehen mit Ihrer Arbeit immer gesellschaftspolitisch Stellung. Macht Ihnen die Entlassung Beils keine Sorgen, dass Sie nicht so frei arbeiten können wie bislang?

Beitin: Ich habe keinen Grund zur Annahme, dass ich mich in meiner kuratorischen Tätigkeit einschränken muss. Im Januar wird entschieden, ob und wie wir die „Oil“-Ausstellung realisieren.

Das Ludwig Forum Aachen ist in diesem Jahr „Museum des Jahres“ geworden und hat die Auszeichnung für die „Ausstellung des Jahres“ geholt. Dennoch – bei allem Respekt: Das Museum wird in dieser Region nicht als deutschlandweit bestes Museum wahrgenommen. Können Sie das nachvollziehen?

Beitin: Das wäre schade, wenn es so sein sollte. Sowohl was persönliche Rückmeldungen angeht als auch die Bewertungen, die wir über Plattformen wie Google bekommen, sind fast durchweg sehr positiv. Das Ludwig Forum Aachen hat deutschlandweit einen sehr guten Namen. Ich hoffe, dass ich in den letzten drei Jahren zusammen mit dem Team ein bisschen dazu beigetragen habe, dass der Name bekannter wird, sowohl mit den Ausstellungen als auch mit den Katalogen. Deshalb lege ich auch viel Wert darauf, dass es substantielle Publikationen zu den Ausstellungen gibt, denn das ist es, was bleibt. Wenn eine Ausstellung wie „Mies van der Rohe“ von 20.000 Leuten gesehen wird, dann ist das schön und gut. Aber wenn die Ausstellung zu Ende ist, bleibt sonst nichts, als der Katalog. Deswegen ist es wichtig, eine gute Publikation zu haben, mit der man das Haus und damit auch die Stadt Aachen auf der Kunstlandkarte nachhaltig etabliert.

Genau an einigen Publikationen, die Sie zu verantworten haben, gab es zuletzt Kritik, weil sie teurer und später fertig wurden, als geplant.

Beitin: Ja, das ist sehr bedauerlich, das stimmt. Allerdings möchte ich darauf hinweisen, dass sowohl das Budget der Mies-van-der-Rohe-Ausstellung als auch das der Kuba-Schau insgesamt eingehalten worden ist, wie mir letzte Woche von der Verwaltung bestätigt wurde. Wenn mehr Geld für Kataloge ausgegeben wurde, als ursprünglich geplant, so konnte das an anderer Stelle durch Einsparungen ausgeglichen werden. Der geäußerte Vorwurf der Vergeudung von Steuergeldern ist insofern nicht zutreffend. Nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund, dass fast alle Projekte durch 70 bis 90 Prozent Drittmittel finanziert worden sind, die meine Vorgängerin oder mein Team und ich eingeworben haben, und ohne die die Ausstellungen gar nicht hätten realisiert werden können. Dass es innerhalb von einzelnen Ausstellungsbudgets zu Verschiebungen kommt, ist ganz normal. Mir sind verwaltungstechnisch formale Fehler unterlaufen, das ist richtig. Das bedaure ich und dafür habe ich mich entschuldigt. Alles andere ist in internen Ausschüssen verhandelt worden. Mehr möchte ich dazu nicht sagen

Haben Sie an Ihrer neuen Wirkungsstätte einen größeren finanziellen Spielraum?

Beitin: Einen deutlich größeren, ja.

Welche große Ausstellung werden Sie in Aachen vor Ihrem Abschied Ende März noch präsentieren?

Beitin: Wir können ab Februar schon mit einem ganz fantastischen Highlight aufwarten: mit der Ausstellung „Lust der Täuschung“, die wir zusammen mit der Kunsthalle in München konzipiert haben. Die Ausstellung läuft dort schon seit August und es ist nicht übertrieben zu sagen, dass es sich um einen wahren Blockbuster handelt, der schon jetzt rund 200.000 Besucher angezogen hat. Es ist wirklich eine Ausstellung für die ganze Familie, wo ein Kind genauso viel Spaß an diesen täuschenden Kunstwerken hat wie die Eltern. Auch ein Philosoph oder Kunsthistoriker wird sich nicht langweilen.

Was ist die Idee?

Beitin: Die Ausstellungen, die ich mache, haben meist einen gesellschaftspolitischen Bezugspunkt. Bei der 68er-Schau war es das Jubiläum zum 50. des revolutionären Jahres. Die Ausstellung „Lust der Täuschung“ wird – man möchte sagen – immer aktueller, weil wir in einem postfaktischen Zeitalter leben, mit Fake News, künstlicher Intelligenz ... Unser Leben wird in manchen Bereichen weitgehend von Algorithmen bestimmt, die manipuliert werden können. Insofern finden wir es spannend zu zeigen, wie die Kunst, seitdem es sie gibt, mit dem Aspekt der Illusion und des Scheins spielt.

Welche Exponate werden gezeigt?

Beitin: Die Ausstellung beginnt mit einer viereinhalbtausend Jahre alten altägyptischen Scheintür. Sie suggeriert nicht nur eine Öffnung, wo gar keine ist, sondern auch noch den falschen Baustoff: Sie ist aus Stein, sieht aber aus, als wäre sie aus Holz. Wir haben wunderschöne Tromp-l’œil-Malereien, die das Auge des Betrachters täuschen, indem sie Dreidimensionalität vortäuschen. Auch werden wir hyperrealistische Skulpturen aus der Sammlung Ludwig zeigen. Und wir haben einige Virtual-Reality-Arbeiten, bei denen man mit einer entsprechenden Brille in vermeintlich reale Welten eintaucht. Ich freue mich sehr da­rüber, dass wir erneut mit dem Informatiker Leif Kobbelt von der RWTH zusammenarbeiten, der mit seinem Team den ganzen Aachener Dom eingescannt hat. Die Besucher können dann bei uns im Ludwig Forum den Dom auf einer Fläche von nur fünf mal fünf Metern virtuell begehen. In der Kombination von historischen und zeitgenössischen Werken wird das eine tolle Ausstellung.

200.000 Besucher wären für Aachen eine Sensation.

Beitin: Ich bilde mir nicht ein, dass wir hier eine solche Zahl erreichen. Aber wenn wir ein Fünftel davon bekommen, wäre das schon ein fantastischer Erfolg.

Die Besucherzahlen sind unter Ihrer Ägide messbar gestiegen, aber würden Sie mir widersprechen, wenn ich sage: Sie sind immer noch auf einem niedrigen Niveau?

Beitin: Da ist immer noch viel Luft nach oben, das stimmt. Das liegt zum einen daran, dass wir leider immer viel zu niedrige Werbebudgets haben. Bei der 68er-Ausstellung hat uns eine erfreulich breit gestreute Berichterstattung in den Medien geholfen. Aber natürlich wäre es schön, wenn das Museum noch sichtbarer würde. Wir haben leider kein allgemeines Marketingbudget, und die Budgets der einzelnen Ausstellungen sind meist so knapp bemessen, dass man nicht so viel ausgeben kann, um dem Haus eine größere Sichtbarkeit zu geben. Und über die problematische Lage außerhalb der Innenstadt müssen wir nicht sprechen. Die lässt sich nicht ändern. Wobei ich immer sage, man kann in zehn, fünfzehn Minuten bequem zu Fuß aus der Innenstadt zu uns kommen kann, wenn man denn will.

Sie sagen also den Kritikern der Besucherzahlen im Kulturausschuss: Wer mehr Besucher will, muss auch Geld für die Werbung in die Hand nehmen?

Beitin: Das wäre wünschenswert, ja.

Welchen Effekt hat der freie Eintritt am langen Donnerstag, für den Sie Zentis als Sponsor gewinnen konnten?

Beitin: An diesem Tag kommen viele Menschen, die sonst nicht ins Museum gehen. Man sieht Menschen, die man sonst eher selten im Museum antrifft. Das ist der tolle positive Effekt, weil Leute, die in der Nähe wohnen und kein Geld zahlen müssen, dann sagen: Komm’, ich geh da mal rein! An diesem Tag ist deutlich mehr Publikumsverkehr im Haus – und das hat durch Mund-zu-Mund-Propaganda auch einen positiven Effekt auf die anderen Tage. Samstage und Sonntage sind immer noch die bestbesuchten Tage in der Woche. Grundsätzlich ist es mir wichtig, das Ludwig Forum als einen attraktiven und lebendigen Ort der Kunst für alle sein zu lassen.

Sie wollten das gastronomische Angebot im Museum ausbauen. Zufrieden?

Beitin: Wir haben seit zwei Jahren das Pop-up Café. Ein kleines Angebot ist also inzwischen vorhanden. Aber die Frage ist durchaus berechtigt. Wir arbeiten noch immer an der großen Gastronomielösung, weil es mehr Besucher anziehen würde. Es gab zwischenzeitlich einen sehr interessierten und erfolgreichen Gastronomen, der leider aus gesundheitlichen Gründen absagen musste. Aber wir haben schon eine neue Lösung im Blick. Das ist eine große Aufgabe fürs kommende Jahr.

Sie haben sich in Aachen stärker auf die eigene Sammlung des Hauses konzentriert. Ist diese Entwicklung, die auch in anderen Häusern fürs nächste Jahr angekündigt wird, der Entwicklung auf dem Kunstmarkt geschuldet, weil man alles andere einfach nicht mehr bezahlen kann?

Beitin: Natürlich hat das einen Grund. Und das hat auch immer mit steigenden Kosten zu tun. Wir müssen 70 bis 90 Prozent der Mittel, die eine Ausstellung kostet, von außen durch Stiftungen oder Sponsoren einwerben. Und es wird leider nicht einfacher, an Gelder he­ranzukommen. Auch bei der Ludwig Stiftung müssen wir uns wie überall mit aufwändigen Konzepten bewerben. Überall tagen hochkarätig besetzte Gremien, die entscheiden, welches Haus welche Gelder bekommt. Aufgrund der niedrigen Zinserträge verfügen viele Stiftungen heute über weniger Geld als früher. Parallel dazu gehen auf der anderen Seite immer mehr Anträge auf Fördergelder ein. Das heißt, der Konkurrenzkampf wird größer. Wir müssen also in Zukunft noch besser schauen, wie wir mit den zur Verfügung stehenden Mitteln am besten auskommen. Grundsätzlich ist es aber auch ein großes Privileg, mit einer so hevorragenden Sammlung wie der von Peter und Irene Ludwig arbeiten zu können, wie es mit der Kuba-Schau, aber auch aktuell mit den beiden Ausstellungen geschieht.

Die Sammlung in Wolfsburg wird seit 1994 aufgebaut und konzentriert sich auf Werke und einzelne Positionen. Welche Möglichkeiten sehen Sie in der Sammlung in Wolfsburg?

Beitin: Zum einen bietet eine umfassende Sammlung – ebenso wie hier in Aachen – immer eine gute Möglichkeit, damit zu arbeiten. In Wolfsburg möchte ich die Sammlung weiter ausbauen, eventuell vorhandene Lücken schließen und sie ins 21. Jahrhundert fortentwickeln. Auch denke ich darüber nach, Sammlungspräsentationen in gewisser Weise zu demokratisieren, das heißt das Publikum in die Auswahl miteinzubinden.

(dpa)
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