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Aachen: André Rieu: Vom Walzertraum bis zum Schlumpf

Aachen : André Rieu: Vom Walzertraum bis zum Schlumpf

Er kam zum Finale des diesjährigen Aachener Kultursommers und hatte auf dem Katschhof auch gleich sein eigenes Da capo dabei.

Gemeinsam mit dem Johann-Strauß-Orchester trat André Rieu am vergangenen Samstag gleich zweimal auf. Am Nachmittag kamen 2200, am Abend noch einmal 2800 Konzertbesucher.

Mit jugendlichem Schwung betritt er pünktlich mit dem Glockenschlag der Domuhr um 15 Uhr zum ersten Mal die Bühne auf dem Katschhof. Und es ist, als würde sich die Sonne für kurze Zeit hinter einer Wolke verstecken.

André Rieu ist kein trauriger Musiker, kein entrückter Künstler. Groß, dynamisch, von der Musik und dem eigenen Spiel hingerissen, mit langen, lockigen Haaren und launigen Sprüchen erinnert er an eine Mischung aus dem Punk-Geiger Nigel Kennedy und dem Entertainer Thomas Gottschalk. Nicht ganz so verrückt wie der Engländer und nicht ganz so salopp wie der Deutsche, aber ganz und gar nicht so, wie man sich einen ernsthaften Musiker vorstellen würde.

Der ungekrönte Walzerkönig aus dem benachbarten Maastricht trifft in Aachen auf echte Fans. Schon beim ersten Stück klatschen sie mit über dem Kopf erhobenen Händen den Takt. „Das menschliche Herz schlägt im Dreiviertel-Takt”, ruft Rieu, und sein im Schnitt bereits weit jenseits des Piercing-Alters ruhendes Publikum johlt wie eine Masse Teenager auf einem Popkonzert.

Ihre Stars heißen Franz Lehár, Johann Strauß und Sohn, Franz von Suppé oder Jacques Offenbach, ihr Superstar aber ist André Rieu. Der Geiger und sein Orchester zünden ein wahres Feuerwerk bekannter, eingängiger Walzerklänge. Unterstützt von zwei brasilianischen Operndiven, „mit Stimmen wie Kathedralen” (Rieu) - gegen ihren Gesang hat selbst ein rustikal dröhnendes Kleinflugzeug keine Chance -, erreicht die Musik alsbald jeden.

„Titanic” noch gefühliger als beim Original

Eine Stunde vergeht wie rasend bis zur Pause, bis dahin klatscht, schunkelt, summt das Publikum alle Melodien mit. Erst nach der Pause zeigt André Rieu, was wirklich in ihm und seiner berühmten Stradivari steckt.

Die Titelmusik aus dem Kinohit „Titanic” spielen er und sein Orchester noch gefühliger, noch bombastischer, als es das Original verlangt. Gänsehaut überfällt einen, und das nicht zum ersten Mal an diesem Nachmittag. Es folgt die Mutter aller Walzer, „An der schönen blauen Donau”. Zum Tanzen habe die Strauß-Familie diese Musik geschrieben, fordert Rieu sein Publikum auf. Und tatsächlich trauen sich Paare und drehen links und rechts der Stuhlreihen elegant einige Kreise.

Dann noch einmal Gänsehaut, als das Orchester Beethovens „Ode an die Freude” spielt, Schillers Worte gesungen von den brasilianischen Schönheiten Carmen und Carla. Am Ende heißt die Losung: „Weiter klatschen, immer weiter klatschen”. Das Publikum fordert sein Recht auf Zugabe. Wer nicht stehen kann, klatscht im Sitzen, und wird reich belohnt.

Doch möglicherweise hätte André Rieu seine Walzer genauso gut zu Hause lassen können, diesen Schluss lässt zumindest der Konzertverlauf am Abend zu.

Rieu „vergeigt” hier mindestens ebenso erfolgreich Stücke aus den tiefer gelegenen Niederungen der europäischen Musiktradition: den „Anton aus Tirol” zum Beispiel, einen bayrischen Schuhplattler, in den Zugaben „Der Chiantiwein lädt alle ein”, das Schlumpflied - wobei die Rathausfassade im Rücken des Publikums unbemerkt in blaues Licht getaucht wird -, sogar das Pippi-Langstrumpf-Lied und Peter Alexanders „Die kleine Kneipe” - worauf man in Aachen „En os Oche, doe es et jemütlich” zu singen pflegt.

Die Reihen schunkeln. Schließlich „Hänschen klein”. Nur die Tierfreunde, die gehen wieder einmal leer aus: „Alle meine Entchen” fehlt im munteren Liederreigen.