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Aachen: Anarchie und Chaos eines entfesselten Trieblebens

Aachen : Anarchie und Chaos eines entfesselten Trieblebens

EM-Fußball im Fernsehen oder Shakespeare auf der Burg? Das treue Stammpublikum des Aachener Das Da Theaters hat es auf die Burg Frankenberg gezogen, die sich nicht zum ersten Male als idealer Spielort für Shakespeares Werke erwies.

Turbulent und wild gleich der gelungene Auftakt: Die schöne Amazonenkönigin Hippolyta, die der Herzog Theseus nur durch einen Hinterhalt für sich gewann, flieht vor dem Verlobten bei Discomusik über die Dächer und seilt sich geschickt ab.

Und wenn es schon so bizarr am Hofe zugeht, wie mag es dann im Wald aussehen, in der Natur, wo sich das Herrscherpaar im Elfenreich, Oberon und Titania, eifersüchtig zerstreitet? Wo außerdem der tückische Waldgeist Puck sein Zepter schwingt... Keltische Mythen und Sagen spuken hier ebenso herum wie eine märchenhafte Antike mit bizarren Fabelwesen. Die sich alsbald „hübsch unzüchtig” im Geäst umschlingen (Choreographie: Marga Render).

„Ein Sommernachtstraum”, wahrscheinlich 1595 in London uraufgeführt, ist weit mehr als eine romantische Komödie, sie offenbart die Triebnatur des Menschen, mal deftig, mal dämonisch, aber immer mit tiefgründigem Witz. Und so passt es hervorragend, dass Regisseur Tom Hirtz den Athener Palast des Theseus in den viktorianischen Hof der Kolonialzeit verwandelt hat - Puritanismus und Heuchelei sind hier besonders gut vorstellbar. Einleuchtend auch die Doppelbesetzung des höfischen Paares und des Elfen-Gespanns mit Patricia Rabs und Mike Kühne, die den Geschlechterkampf in beiden Beziehungen schön herausarbeiten.

Auch Jens Eisenbeisers boshafter Kobold Puck hat eine Entsprechung am Hofe und zwar im akkuraten „Staatssekretär” Philostrat. Doch die engen viktorianischen Krägen platzen auf, wenn es um Liebe, Hiebe und Triebe geht. Das müssen auch die vier jungen Leute erfahren, die im verzauberten Wald „Bäumchen-wechsel-dich” spielen, sich schlagen und nach Pucks Pfeife tanzen müssen. Ihre strenge Kluft ist nach all diesen hitzigen Liebesirrungen und - wirrungen nicht mehr wieder zu erkennen (Karen Lauenstein als Helena, Ina Pappert als Hermia sowie Mustafa Eren als Lysander und Maximilian Popp als Demetrius, alle herrlich derangiert).

Achtung, Drogenalarm: Puck, der Satyr mit rotem Pavian-Popo und tierhafter Körperbehaarung, verabreicht in Oberons Auftrag gefährliche Liebestropfen, die den Schlafenden in die erste Person verliebt machen, die er nach dem Aufwachen zu Gesicht bekommt. Das geht natürlich gründlich schief, so auch bei Titania, die sich bei Shakespeare in einen Handwerker mit Eselskopf namens Zettel „tierisch” verguckt. Der angezauberte Eselskopf bleibt hier zwar erhalten, wird aber getragen von einer exaltierten Lehrerin (Daniela Gölden), die mit ihren Schülerinnen eine antike Tragödie nachstellen will.

Richtig komisch wird dieser Einschub am Schluss, als die nervöse Lehrerin alle Rollen selbst spielt. Nicht nur die verführerischen „animalischen” Kostüme (Frank Rommerskirchen, auch verantwortlich für den einfallsreichen „Waldraum”) scheinen am Ende nahezulegen, dass Anarchie und Chaos dieses entfesselten „Trieblebens” wohl nur im Traum zu haben sind - oder als Albtraum ausufern.

Kraftvoller Beifall für die „fantastische” und temporeiche Aufführung - und die recht freundliche Witterung! Die heimkehrenden Zuschauer werden begleitet von einem unaufhörlichen Hupkonzert - auch bei Fußballsiegen tritt Archaisches hervor.