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Aachen: „Amaro Drom” bringt Schicksal der Sinti und Roma ins Gespräch

Aachen : „Amaro Drom” bringt Schicksal der Sinti und Roma ins Gespräch

Sie heißen Dragan Radu und Lajos Kovac, Miki und Boban Trajkovic - junge Roma, die im Kreis Aachen leben und zum ersten Mal im EU-geförderten Projekt „Amaro Drom” („Unser Weg”) ihre Gedanken in künstlerischer Form umsetzen.

Organisiert hat die Roma Union Grenzland. Seit Dienstag bis zum kommenden Sonntag, 8. August, zeigen sie Modelle möglicher Gedenkstätten im Aachener Ludwig Forum. Deren Umsetzung hat der Münchener Künstler Christian Deutschmann engagiert und mit Einfühlungsvermögen betreut.

Das Datum ist kein Zufall: Vor genau 60 Jahren ereignete sich die „Liquidierung” der noch im KZ Auschwitz-Birkenau verbliebenen Insassen des „Zigeunerfamilienlagers”, unter ihnen zahlreiche Sinti und Roma aus der Region Aachen, Düren und Heinsberg.

Zur Gedenkstunde konnte Hausherr Harald Kunde Gäste begrüßen, die gemeinsam mit den jungen Künstlern Zeichen setzten, an ihrer Spitze NRW-Kultusminister Michael Vesper, der angesichts der Entwürfe zu neuem Nachdenken über die Erschliessbarkeit von Vergangenheit aufrief.

„Es ist unsere dringende Pflicht, all dieser Opfer zu Gedenken”, so Vesper in einer sehr persönlichen Rede. „Aber es ist die Frage, ob staatlich geprägte Denkmäler noch unserer Form der Auseinandersetzung entsprechen. Diese Arbeiten können ein Weg sein, wie man endlich an jüngere Menschen herankommen kann.”

„Amaro Drom” - das sind nicht nur die Erinnerungen der Teilnehmer an eine bittere Vergangenheit, in der rund 23000 Angehörige ihres Volkes der Verfolgung der Nationalsozialisten zum Opfer fielen, sondern Gedanken über die Zukunft, die für viele von ihnen als Asylbewerber aus einem osteuropäischen Land noch immer ungewiss ist.

Auf die bis heute problematische Situation der Sinti und Roma wies Sebastian Kurtisi, Vorsitzender der Roma Union Grenzland, hin. „Vor zehn Jahren kam ich zum ersten Mal zur Gedenkstätte Auschwitz.

Von den polnischen Behörden wurde ich, der ich in Deutschland nur mit Duldung lebte, als Repräsentant aller in Deutschland lebenden Sinti und Roma empfangen, ein Ehrengast. Das war eine groteske Situation.”

Für die Stadt stellte Kulturdezernentin Isabel Pfeiffer-Poensgen zudem fest: „Es ist bedrückend, dass es sechs Jahrzehnte dauern musste, um bei uns ein erstes Gedenken zu veranstalten.” Erwin Künkeler, stellvertretender Landrat des Kreises Aachen, sowie Generalvikar Manfred von Holtum schlossen sich mit intensiven Redebeiträgen an.

Gast aus Ungarn

Aus Ungarn war Michael Rostas, Vorsitzender der dortigen Hilfsvereinigung für Angehörige der Sinti und Roma, angereist, die gleichzeitig am ausbildungsorientierten EU-Projekt beteiligt ist. „Bei uns herrschen noch immer schlimme Zustände, viele Sinti und Roma müssen unwürdige Lebensumstände ertragen. Wir brauchen Partner, die uns unterstützen.”

Zum Abschluss gab Joachim Rosenberg, Schriftführer der Aachener Organisation, noch einen historischen Rückblick zum Schicksal der Sinti und Roma - speziell jener, deren Namen für Aachen und Umgebung dokumentiert sind.

Für den musikalischen Rahmen sorgten mit künstlerischer Ausdruckskraft und großer Hingabe Balint Joschka als Geiger auf dem Sockel „Denkmal für den unbekannten Musiker” - gleichfalls ein Ausstellungsstück - sowie das Trio „Terno Vilo” („Große Seele”), deren schwebende Klänge mit Gesang sich im weiten Raum der Ausstellungshalle sehnsuchtsvoll ausbreiteten.

Ein Liebeslied zum Abschluss - vielleicht ein Zeichen für ein Gefühl, das die Hoffnung weiterleben lässt.