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Aachen: Am Anfang stand ein furchtbarer Skandal

Aachen : Am Anfang stand ein furchtbarer Skandal

Es riecht nach Pfefferminz. Dr. Wolfgang Bettray vom Lehrstuhl für Organische Chemie an der RWTH schraubt ein zweites Glas auf und hält es der Besucherin unter die Nase. Wieder Pfefferminz. Aber halt. Die kristallin-weiße Paste im Glas verströmt Kühle.

„Beides ist Menthol”, sagt Wolfgang Bettray und zeigt auf die Etiketten. Des Rätsels Lösung ist sozusagen im Handumdrehen erklärt: Chiralität heißt das Phänomen, zu deutsch: „Händigkeit”. Chiral werden chemische Verbindungen genannt, die sich mit ihrem Spiegelbild nicht decken. Das bewirkt im Falle des Menthols, dass die menschliche Nase nur bei einer Variante Kälte empfindet. Die andere kann von den Zellen der Sinnesorgane sozusagen nicht empfangen werden; in diesem Beispiel wird die Eigenschaft „kalt” also nicht wahrgenommen. Nicht immer ist der Unterschied so harmlos wie beim Menthol. Vielmehr hat ein weltweites Drama die Wissenschaft hellhörig gemacht, das Anfang der 60er Jahre als „Contergan-Skandal” um die Welt ging.

Bis der Pharmakonzern Grünenthal das verhängnisvolle Schlafmittel auf den Markt brachte, war das Phänomen der Chiralität zwar nicht unbekannt, aber erregte kein Interesse. Der Wirkstoff von Contergan, Thalidomid, sollte auch Schwangeren gegen Übelkeit helfen. Das Fatale: Während das Bild von Thalidomid die gewünschte beruhigende Wirkung hat, hemmt das Spiegelbild das Wachstum von Gewebe und Blutgefäßen. Tausende Frauen brachten verstümmelte Kinder zur Welt.

Das war der Startschuss für die Wissenschaft. Das Ziel: Methoden zu entwickeln, um jeden asymmetrischen chemischen Wirkstoff als Bild und Spiegelbild getrennt herzustellen und herauszufinden, wie jedes für sich wirkt. „Gemische bekommen nur dann eine Zulassung als Medikament, wenn die Negativwirkung eines der Enantiomere zu hundert Prozent ausgeschlossen ist”, sagt Bettray. An dieser Sicherheit arbeitet die RWTH mit.