1. Kultur

Maastricht: Als Holland die alten Italiener entdeckte

Maastricht : Als Holland die alten Italiener entdeckte

Im Sommer 1934 schlägt im Stedelijk Museum Amsterdam eine Ausstellung wie eine Bombe ein: Mehr als 100 niederländische Kunstfreunde outen sich in einer epochalen Schau mit über 1300 Exponaten als leidenschaftliche Sammler italienischer Kunst.

Das niederländische Publikum, bislang lediglich an holländisches Alt-Öl gewöhnt, ist verblüfft und begeistert zugleich. Der geistige Vater des Ganzen ist Otto Lanz, ein gebürtiger Schweizer, der gleich hinter der italienischen Grenze aufgewachsen ist, der 1902 zum Professor für plastische Chirurgie an der Universität Amsterdam ernannt wurde, und als Kenner und Sammler italienischer Renaissancekunst als erster diese Leidenschaft in den Niederlanden weckte.

Riesige Sammlung

Lanz, eine beeindruckende, charismatische Persönlichkeit mit ehrfurchtgebietendem Rauschebart, kann nicht nur den Kuratoren des Amsterdamer Rijksmuseum davon überzeugen, dass italienische Kunst mindestens so sammelwürdig ist wie die holländische, er vermacht dem Haus auch seine riesige Sammlung, mit der er bis zu seinem Tod sein Privathaus wie einen italienischen Palazzo ausgestattet hat.

In einer wohl einmaligen Zusammenarbeit des Amsterdamer Rijksmuseum und des Maastrichter Bonnefantenmuseum sind diese Kollektion und jene anderer niederländischer Italienfreunde, des Geschäftsmanns Edwin vom Rath und des Bankiers Fritz Mannheimer, jetzt für mindestens drei Jahre in Maastricht zu sehen: „Palazzo. Das Sammeln früher italienischer Kunst in den Niederlanden” heißt die Ausstellung im Bonnefantenmuseum.

Im Mittelpunkt steht dabei die gesammelte Renaissancekunst von Otto Lanz (1865-1935), die während des Zweiten Weltkriegs auf abenteuerlichem Weg aus Amsterdam heraus und später wieder zurückfand: Die Nazis kauften einen Großteil von den Erben auf, nach Ende des Kriegs wurden die meisten Werke wieder zurückgegeben. Ein anderer Teil gelangte in den 80er Jahren ins Bonnefantenmuseum.

In regelrechten Festsälen versammelten Lanz und Co. Gemälde, Skulpturen, Möbel, Stuckreliefs, Silber- oder Bronzearbeiten als üppige Interieurs wie in den Palazzi der Renaissance. Die Namen der Künstler gehören dabei zur ersten italienischen Garde: Veronese, Sano di Pietro, Lorenzo Monaco, einiger Schüler von Leonardo da Vinci, und selbst Tintoretto gehört dazu.

Die niederländischen Sammler hatten dabei ein festes Bild von Italien, dem sie mit ihren Erwerbungen Ausdruck verliehen: mit Historienbildern, biblischen Motiven und Porträts. So umgab sich der Bankier Mannheimer gerne mit Porträts der Medici, so als ob Verwandte und Kollegen von den Wänden seines Hauses auf ihn herabblickten. Bedeutendes und minder Wichtiges hingen dabei durchaus nebeneinander - den Sammlern war es egal. Selbst Fälschungen, von denen Lanz und Co. wussten, fanden ihren Platz in den Palazzi.

Der Kunsthandel in der Zeit ging dabei zum Teil sehr rigoros mit den Objekten um, auch das offenbaren die Stücke aus dem Rijksmuseum in Maastricht sehr offen: Manche Bilder etwa waren ursprünglich bemalte Teile von Aussteuer-Truhen, die einfach herausgesägt wurden - schwupps, hatte man ein Gemälde.

Auch Lanz´ finanzielle Mittel waren nicht grenzenlos, die Bilder berühmter Meister wie Tintoretto sind lediglich als Teile von größeren Werken wie Triptychen vorhanden. Die Ausstellung, die mit ihren kräftigen Wandfarben sehr schön die Atmosphäre der ursprünglichen Festsäle auszustrahlen sucht, spiegelt vor allem den Geschmack der niederländischen Sammler jener Zeit wider. „Rijksmuseum Maastricht” heißt nun für drei Jahre diese Abteilung des Bonnefantenmuseums.