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Aachen: Als die Mutter hinfiel, wollte Andreas W. helfen

Aachen : Als die Mutter hinfiel, wollte Andreas W. helfen

„Ich hätte dir doch einfach geholfen, Andreas!” Unter Tränen wandte sich die 41-jährige Schwester direkt an den wegen Mordes an sechs Menschen angeklagten Jülicher Ex-Feuerwehrmann Andreas W. (32). Er habe gekämpft, um eine „gerade Linie” in sein Leben zu bringen, beschwor sie das Gericht.

Dann rang sie um Fassung, stand auf, ging hinaus, um die draußen wartende Mutter in den Zeugenstand des Schwurgerichts zu holen. Da passierte es: Die etwa 60 Jahre alte Frau kam am Arm ihrer Tochter an den Wachmeistern neben der Anklagebank vorbei. Da schrie sie auf und stürzte hin. Beim Anblick ihres Sohnes versagte der Kreislauf, die Beine knickten weg. Die psychiatrische Sachverständige, eine Medizinerin, stabilisierte die Mutter, legte ihr die Beine hoch.

Engste Bande

Zwischen Mutter und Sohn muss es engste Bande geben: Als sie zu Boden fiel, war Andreas W. kaum auf der Anklagebank zu halten. Der 1.90-Mann hatte bereits ein Bein über der Absperrung, als er von der Aufsicht wieder auf den Platz gewiesen wurde.

Es dauerte dann nur wenige Minuten, da war ein Notarztteam vor Ort und die schweratmende, schluchzende Mutter bekam weitere Hilfe. Nach einer Unterbrechung von etwa zehn Minuten ging es weiter. Die Zeugin saß am Tisch, war an eine medizinisches Kontrollgerät angeschlossen. Während der 15 Minuten langen Vernehnung blieb die Notärztin im Saal.

Die Verteidigung beantragte, die Öffentlichkeit auszuschließen: Die Dinge, die es zu erörtern gelte, seien „zu persönlich”. Das Gericht unter Vorsitz von Dr. Gerd Nohl folgte dem Antrag.

„Guter Bruder”

Die ältere Schwester hatte den Angeklagten, durch dessen Brandlegung in der Nacht vom 5. auf den 6. November sechs Menschen, darunter drei kleine Kinder, in der Jülicher Grünstraße den Tod fanden, zuvor „als guten Bruder” bezeichnet. Seit Andreas W. aber aus Hamburg mit der Freundin weggezogen sei, habe sie bemerkt, dass es mit ihm ein wenig bergab ging. Er habe immer wieder versucht, dagegen anzukämpfen. Aber die Beziehung zu seiner Freundin sei schlecht gewesen: „Sie peilte nicht die richtige Richtung”, so die Schwester.

Und gestand selbst weinend, dass die Mutter bereits etwas über die schreckliche und letztlich tödliche Brandstifter-Leidenschaft ihres Sohnes ahnte. Alle Kollegen beschrieben den Feuerwehrmann Andreas W. als immer hilfsbereit, kollegial und freundlich. Und, was ansonsten Verdacht erregt, als gar nicht einmal besonders übermotiviert bei den Einsätzen.

Die Frau eines Kollegen, selbst als Sanitäterin am Brandort in der Grünstraße 5, beschrieb einen leeren, kaum beschreibbaren Ausdruck auf seinem Gesicht, als die Leichen aus dem Mehrfamilienhaus geborgen wurden. Hier hatte er in der Nacht - aus Lebensfrust, wie er angab - in einem Kellerraum alte Matratzen angezündet. Vom Schwelbrand krochen die giftigen Dämpfe ins Treppenhaus. Am Dienstag sagt die Ex-Freundin von Andreas W. aus.