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Venedig: Albtraum aus Stahl am Canal Grande

Venedig : Albtraum aus Stahl am Canal Grande

Seit nunmehr elf Jahren träumen Venedigs Stadtväter einen Traum aus Stahl und Glas, der die Lagunenstadt um eine weitere Attraktion reicher machen soll. Eine moderne Brücke zwischen dem Bahnhof und der Piazzale Roma auf dem Festland - so lautete die Idee des spanischen Architekten Santiago Calatrava, die 1996 sofort die begeisterte Zustimmung von Bürgermeister Massimo Cacciari fand. Jedoch scheint die gigantische Konstruktion unter einem ungünstigen Stern zu stehen.

Immer neue Probleme haben die Baukosten drastisch in die Höhe getrieben, Eröffnungstermine wurden verkündet und wieder verschoben - und dann ereilte die Planer auch noch die jüngste Hiobsbotschaft: Nach Meinung von Experten ist die Brücke viel zu schwer für die fragilen Ufer des Canal Grande.

„Wie ein Wirbelsturm”

Das verheerende Urteil der Techniker: Die Installation der 94 Meter langen Brücke würde die beiden Ufer einer Belastung aussetzen, die dem Aufprall von 75 voll beladenen Lastern entspricht. Aber Venedig steht auf schwachem Grund und ruht nicht auf Stein, sondern auf Schlamm. Die Folgen für das Ufer kämen einem Wirbelsturm gleich und würden die Ufer zum Einsturz bringen, erklärten die Sachverständigen.

„Im Rathaus haben alle nur noch die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen”, brachte es die Zeitung „La Repubblica” am Montag auf den Punkt. Was nun? Die ursprünglich veranschlagten sieben Milliarden Lire (rund 3,5 Millionen Euro) Baukosten haben sich bereits auf zehn Millionen Euro verdreifacht.

Das Projekt jetzt aufzugeben, kommt deshalb nicht in Frage. Aber eins ist schon heute klar: Das „Juwel moderner Architektur” entwickelt sich langsam zu einem unüberwindbaren Problemberg. Und bis heute ragen nur die Widerlager aus der Lagune.

Dabei ist Calatrava keineswegs ein Neuling im Brückenbau: Unter anderem hat der 51-Jährige bereits die Europabrücke über die Loire in Orléans und die Kronprinzenbrücke in Berlin entworfen. Venedig besitzt bereits drei Brücken über den Canal Grande: die berühmte Rialtobrücke, der Ponte dell´Accademia und die Scalzi-Brücke.

Bisher konnten Einwohner und Touristen die Piazzale Roma, auf der sich ein Auto- und Busterminal befindet, bequem mit dem „Vaporetto” (Wasserbus) über den Kanal erreichen. Kritiker fragen deshalb schon lange nach Sinn und Zweck dieser vierten Konstruktion.

Nun soll der erfahrene Ingenieur Giorgio Romaro Abhilfe bringen, der bereits von 2002 bis 2004 mit Calatrava beim Bau des Olympia-Sportkomplexes in Athen zusammengearbeitet hatte. Unter anderem gibt es den Vorschlag, die Aufstellung der aus 74 Stahl- und Glassegmenten bestehenden Brücke in Bogenform zunächst an einem anderen Ort zu simulieren, „um böse Überraschungen zu vermeiden”.

Eine andere Möglichkeit wäre, die beiden Uferseiten mit 16 gigantischen Stützen abzusichern. „Das wird aber noch mal etwa 200.000 Euro kosten”, hieß es aus dem Rathaus. Optimisten hoffen, dass die Brücke trotz aller Hindernisse am 15. Juli eingeweiht wird. An diesem Tag begeht Venedig traditionell in Gedenken an die verheerende Pest von 1576 die „Festa del Redentore” (Fest des Erlösers). „Aber die glauben scheinbar noch an Wunder”, meinte ein Kommentator.