Aachens neuer Generalmusikdirektor Ward: „Neue Formate finden“

Aachen : Generalmusikdirektor Ward: „Es ist wichtig, neue Formate zu finden“

Der kleine Finger — der Klenkes — hat für die Aachener eine besondere Bedeutung: Sie heben ihn zum Gruße und geben sich so weltweit als echte Oecher zu erkennen. Es mag also ein gutes Omen sein, das Christopher Ward in eben jenem kleinen Finger ein gewisses Kribbeln verspürt hat.

Das Kribbeln, das er bei seinen Probedirigaten im vergangenen Herbst gespürt hat, sagte ihm: Die Zusammenarbeit mit dem Aachener Sinfonieorchester könnte etwas Besonderes werden. So hat es Ward am Montag bei seiner offiziellen Präsentation als neuer Aachener Generalmusikdirektor geschildert. Im Interview mit Hermann-Josef Delonge spricht er über das Auswahlverfahren, seine musikalische Sozialisation und seine Erwartungen an die Arbeit in Aachen.

Herzlichen Glückwunsch zur Wahl, Mr. Ward!

Christopher Ward: Vielen Dank.

Wie groß war Ihre Anspannung während des Bewerbungsverfahrens, und wie groß ist jetzt Ihre Erleichterung?

Ward: Ich bin während der Bewerbungsphase tatsächlich sehr ruhig geblieben. Ich finde, wenn man sich zu sehr aufregt, bekommt die Sache eine Spannung, die nicht hilfreich ist. Es war mir wichtig, ich selbst zu sein, authentisch zu bleiben. Und zu schauen, ob es möglich ist, eine Beziehung zum Orchester und zu den Sängerinnen und Sängern aufzubauen.

Ist Ihnen das gelungen?

Ward: Absolut. Bemerkenswerterweise habe ich diese Erfahrung beim Weihnachtskonzert auch mit dem Publikum gemacht. Während der Zugabe haben die Menschen im Saal „Stille Nacht“ mitgesungen. Das hat mich sehr berührt.

Sie haben in der letzten Bewerbungsrunde neben dem Weihnachtskonzert auch eine Aufführung von Janáeks Oper „Katja Kabanowa“ dirigiert. Welchen Eindruck haben Sie vom Orchester gewinnen können?

Ward: Die kurze Zeit, die wir miteinander verbracht haben, war schön und intensiv. Wir haben uns, glaube ich, sehr gut verstanden. Beim Konzert hatte ich dann das Gefühl, dass etwas entstehen kann, dass eine gute Zusammenarbeit möglich ist.

Wie würden Sie Ihren Stil als Dirigent beschreiben?

Ward: Ich habe viel von Simon Rattle gelernt. Ich habe immer bewundert, wie er Situationen schafft, in denen alle angstfrei agieren können und Raum bekommen, ihr Bestes zu geben. Das versuche ich auch. Ich möchte Menschen mitnehmen. Am Ende erzielt man so immer bessere Ergebnisse als mit Methoden, in denen Angst und Macht eine große Rolle spielen.

Wie ist Ihre eigene musikalische Sozialisation verlaufen?

Ward: Ich habe mit vier Jahren angefangen Klavier und Geige zu lernen. Viel wichtiger war aber etwas anderes: Als ich acht Jahre alt war, war ich mit meiner Mutter im Auto unterwegs, und wir haben dabei ein Chorstück gehört. Da habe ich plötzlich gesagt, dass ich Chorsänger werden will. So erzählt es jedenfalls meine Mutter. Ich bin später in ein Internat in Oxford gegangen. Dort habe ich fünf Jahre lang im Chor gesungen. Das war unendlich wichtig für mich. Wir haben dort täglich vier Stunden lang auf einem professionellen Niveau gearbeitet — in einer sehr schönen, freien, aber auch disziplinierten Atmosphäre. Dann kam der Stimmbruch, und ich habe mich mehr und mehr für das Dirigieren interessiert. Damit habe ich dann schon während der Schulzeit begonnen.

Mit Ihrer Begeisterung für Chormusik sind Sie in Aachen gut aufgehoben. Hier gibt es eine große Chortradition — und die Chorbiennale.

Ward: Ich weiß, und ich freue mich schon riesig darauf!

Welche musikalischen Schwerpunkte wollen Sie als GMD setzen?

Ward: Ich habe die zeitgenössische Musik immer sehr gepflegt, und es ist mir wichtig. Meiner Meinung nach ist das auch für die Spielkultur eines Orchesters genau so wichtig wie der Fokus auf die historische Aufführungspraxis oder das romantische Repertoire. Ich bin aber auch sehr daran interessiert, diese Genre zu kombinieren und Formate zu entwickeln, in denen bekannte Stücke wie neu rüberkommen.

Nehmen Sie schon Einfluss auf die Planung der kommenden Spielzeit, Ihrer ersten in Aachen?

Ward: Was die Planung der Konzerte angeht, auf jeden Fall. Die Planung der Opernproduktionen ist natürlich schon fix. Das Publikum darf sich auf sehr schöne Stücke freuen. Mehr will ich nicht verraten. Bei den Konzerten kann und werde ich eigene neue Ideen einbringen, und ich habe das Gefühl, dass ich da in Aachen auf offene Ohren stoße.

Was können Sie verraten?

Ward: Nur so viel: Ich möchte in jeder Spielzeit den Fokus auf einen zeitgenössischen Komponisten legen. Und ich möchte ganz jungen Komponisten die Möglichkeit geben, mit einem professionellen Orchester arbeiten zu können. Wir planen auch, Konzerte an ungewöhnlichen Orten zu veranstalten, zum Beispiel in einem alten Straßenbahndepot (an der Tal­straße in Aachen, Anm. d. Red.) Dort wollen wir etwas Experimentelles anbieten und neue Formate ausprobieren, um auch ein junges Publikum zu interessieren. Dazu gehört auch ein enger Kontakt zu den Hochschulen und der RWTH Universität in Aachen.

Hier die Erwartungen des eher älteren Abo-Publikums, dort die Notwendigkeit, ein junges Publikum zu gewinnen: Wie wollen Sie diesen Spagat schaffen?

Ward: Es ist natürlich nicht einfach, die Balance zu finden und beiden Erwartungen, die gleichermaßen berechtigt sind, nachzukommen. Deshalb ist es auch wichtig, neue Orte und Formate zu finden, mit denen man Dinge ausprobieren und das Publikum auch mal überraschen kann. Wir werden bei der Planung darauf achten, dass wir die richtige Mischung finden. Dabei hoffe ich, dass sowohl das geschätzte „klassische“ Publikum Neugier auf Unkonventionelles bekommt, als auch das junge Publikum Lust verspürt, ins Sinfoniekonzert zu gehen.

Ist es nicht an der Zeit, die althergebrachte Form des klassischen Konzerts aufzubrechen?

Ward: Nicht aufzubrechen, aber zu erweitern. Die Form des klassischen Konzerts hat sich über die Jahrhunderte entwickelt, man muss das respektieren. Aber man kann andere Impulse einbringen.

Sie arbeiten seit zwölf Jahren in Deutschland und haben dabei das System der hiesigen Theater- und Orchesterlandschaft kennengelernt. Wie fällt Ihr Urteil aus?

Ward: Ich schätze dieses System außerordentlich. Es bietet einmalige Chancen. Man kann über einen längeren Zeitraum in einem relativ geschützten Raum mit Menschen Dinge entwickeln und umsetzen.

Dazu gehört aber auch der fast permanente Streit um und über die Finanzen. Als GMD werden Sie sich da positionieren müssen.

Ward: Selbstverständlich. Man muss bereit sein zu kämpfen. Ich bin es.

Dazu gehört auch, dass ein GMD sich um Sponsoren bemüht, in der Gesellschaft präsent ist und das Orchester und das Theater nach außen vertritt.

Ward: Auch das ist richtig. Ich bin dazu bereit und freue mich sehr darauf.

Wie sehen Ihre Planungen für die nächsten Wochen und Monate aus?

Ward: Bis Sommer bin ich leider fast ausgebucht, aber ich werde versuchen, so oft wie möglich nach Aachen zu kommen, um das Orchester und das Haus besser kennenzulernen. Spätestens Anfang August werde ich nach Aachen ziehen. Ich werde mich also bald um eine Wohnung kümmern.

Werden wir Sie bei den Kurpark Classix Ende August/Anfang September erleben?

Ward: Auf jeden Fall.

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