Aachen: „Aachener Wandmaler“ Paier wird im Ludwig Forum gewürdigt

Aachen : „Aachener Wandmaler“ Paier wird im Ludwig Forum gewürdigt

Erneute posthume Genugtuung für einen Rebellen der Nacht: Dem als „Aachener Wandmaler“ in die Annalen der Stadt Aachen eingegangene, lange Zeit anonym gebliebene Wandmaler Klaus Paier widmet das Ludwig Forum eine kleine, aber feine Ausstellung.

Bereits 2011 sind seine letzten verbliebenen Mauerbilder, gerade mal zehn von insgesamt rund 50, die zwischen 1978 und 1989 entstanden, unter Denkmalschutz gestellt worden. Unter dem Titel „Optische Schreie“ werden nun nicht nur 23 Fotodokumente gezeigt, die Paier selbst von seinen Werken anfertigte, sondern erstmals auch 19 Entwurfszeichnungen.

Thomas Paier, der Bruder des 2009 gestorbenen Künstlers, hat sie zur Ausstellung beigesteuert. Sie belegen, wie der gebürtige Essener, der an der RWTH Aachen Physik studierte, bei seinen illegalen Nacht- und Nebelaktionen gearbeitet hat.

Klaus Paier war beseelt von einem moralisch-politischen Impetus — ob Punks, Homosexuelle, Hausbesetzer oder Nazi-Opfer wie jene beiden Aachener Jugendlichen, die am 14. September 1944 hingerichtet wurden, weil sie ein Brot gestohlen hatten: Ihnen galt sein Mitgefühl und seine Solidarität. Aufrütteln mit Bildern gegen Missstände, Atomenergie und Umweltverschmutzung, das war seine Mission — expressive, kantige Formen und Figuren seine Sprache.

Einer der ersten, der den künstlerischen Wert seiner Wandbilder erkannte, war Wolfgang Becker, damals Leiter der Neuen Galerie — Sammlung Ludwig. 1984 lud er Paier zu einer Ausstellung ein und sorgte für den Ankauf seiner Fotos für die Sammlung Ludwig. Überdies ließ er ein Interview mit Paier und seinem Partner Josef Stöhr filmen, bei dem Paier anonym mit Schlapphut und aufgeklebter Nase auftrat. Erst 1989, als ihm der Neue Aachener Kunstverein den „Neuen Preis“ verlieh, trat Paier aus seiner Anonymität heraus.

„Unglaublich kraftvoll und unglaublich aktuell“ — so bewertet Forums-Direktor Andreas Beitin die Bilder mit Themen wie „Atomenergie bringt Tod“, „Autos morden“ oder „Der große Krieg“. „Das waren keine spontanen Wutausbrüche“, erklärt Benjamin Dodenhoff, neben Marlen Lienkamp Kurator der Schau. Paier zeichnete seine Bilder penibel vor, grundierte die Wand und übertrug die Umrisse in der ersten Nacht, um in der zweiten mit dem Pinsel die Dispersionsfarbe aufzutragen. Die war wasserlöslich — und damit die Vergänglichkeit der Werke einkalkuliert.

Die Ausstellung ist Teil eines auf drei Jahre angelegten Forschungsprojekts „Die Erfindung der Neuen Wilden“ im Ludwig Forum, das bereits im nächsten Jahr in eine große Ausstellung münden soll. Sie thematisiert jene Strömung expressiv-subjektiver Malerei, die sich in den frühen 80er Jahren in Europa etablierte und in Aachen ihre medienwirksame „Taufe“ erfuhr: Wolfgang Becker war es, der die Wortschöpfung „Neue Wilde“ erfand.

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