Aachen: Aachener Sinfoniekonzert: Klangfarben zur Entfaltung gebracht

Aachen: Aachener Sinfoniekonzert: Klangfarben zur Entfaltung gebracht

Zum dritten Mal stand jetzt im Rahmen des 7. Abonnementskonzerts die junge kanadische Dirigentin Keri-Lynn Wilson am Pult des Aachener Sinfonieorchesters, und auch diesmal konnte sie den glänzenden Eindruck bestätigen, den sie bereits vor fünf und sieben Jahren hinterlassen hat.

Eine interessante Programmgestaltung, verbunden mit der untrüglichen Musikalität und der unaufdringlichen, aber unüberhörbaren Führungsqualität der Musikerin bestimmte den Abend. Der ermöglichte einem nicht nur die seltene Begegnung mit Sergej Prokofjews wohl bester Sinfonie, der Fünften in B-Dur op. 100, sondern auch mit Andrew Simpson, dem langjährigen Solo-Bratscher des Orchesters.

Dass Andrew Simpson ein hervorragender Streicher und Solist ist, hat er mehrfach bewiesen. Sich auf der Bratsche so prominent präsentieren zu können wie mit der Chaconne des amerikanischen Komponisten Michael Colgrass aus dem Jahre 1984, dazu besteht allerdings nur selten die Möglichkeit.

Das mit fast einer halben Stunde deutlich zu lange Werk verlangt dem Solisten fast alles ab, was auf einer Viola mit traditionellen Spieltechniken möglich ist. Andrew Simpson ließ sich durch keine technische Gemeinheit in Verlegenheit bringen und meisterte die an Bachs berühmte Chaconne angelehnten Arpeggien in den Anfangstakten ebenso souverän wie das hochvirtuose Laufwerk, knifflige Doppelgriffe und komplizierte Bogentechniken im Verlauf des Werks.

Disziplinierte Musikerin

Die 23 Variationen erfordern eine hellwache stilistische Flexibilität, die weder Simpson noch das Orchester mit seiner Dirigentin in Bedrängnis bringen konnte. Colgrass entlockt dem bizarr instrumentierten Orchester eine reiche Palette an Klangfarben, die bei unseren Künstlern gut aufgehoben war.

Schon in ihren letzten Auftritten hat sich Keri-Lynn Wilson als disziplinierte Musikerin mit formaler Übersicht, Klangsensibilität und Ausdrucksstärke empfohlen. Attribute, von denen auch ihre Interpretation der wuchtigen Prokof-jew-Sinfonie profitierte.

Dass die dynamischen Höhepunkte unter den begrenzten akustischen Bedingungen des Eurogress‘ ein wenig ungefiltert klangen, darf man einem Gast nicht vorwerfen. Sonst stimmte nahezu alles an einer Darstellung, der es weder an wohldosierter Schärfe, rhythmischer Prägnanz, klanglicher Leuchtkraft oder ausgefeilter Phrasierung mangelte.

Bei aller Virtuosität, die das hochmotivierte Orchester demonstrierte, vernachlässigte die Dirigentin nie den bedrohlich-bitteren Unterton, der selbst dem flotten Perpetuum Mobile des Scherzos und der blühenden Melodik des langsamen Satzes anhaftet. Eine ebenso kompetente wie aufwühlende Interpretation.

Zum Auftakt gab es George Gershwins „Cuban Ouverture“, ein charmantes Gelegenheitswerk, mit dem sich das Orchester aufwärmte. Eine gute Idee, das Programmheft von Schülern der Klassen 9a und 9b des Bischöflichen Gymnasiums St. Ursula aus Geilenkirchen vorbereiten zu lassen.

Begeisterter Beifall für ein erstklassiges Konzert voller schillernder Facetten.