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Aachen: Aachener Komponist nähert sich Karl-Mythos auf ironische Weise

Aachen : Aachener Komponist nähert sich Karl-Mythos auf ironische Weise

In seiner Familien-Oper „Prinzessin im Eis“ ließ er Eisbären singen, jetzt vertonte er die Reise eines Ritters zum Mond. Anno Schreier hat für das Aachener Theater zum Karlsjahr ein Orchesterwerk komponiert. Vor seiner Ankunft zu Proben und Uraufführung in seiner Heimatstadt hat der 34-Jährige Fragen von Jenny Schmetz beantwortet.

Wir haben im Karlsjahr Bücher über Karl den Großen gelesen, Ausstellungen besucht, Konzerte und sogar ein Musical gehört. Was bringt Ihr Orchesterwerk noch Neues?

Schreier: Zuerst mal hat mich die historische Figur Karls des Großen weniger interessiert. Wie Sie schon sagen, ist darüber eine Menge gesagt und geschrieben worden, und ich persönlich kann auch wenig mit Helden- und Heiligenverehrung anfangen. Stattdessen habe ich mich dem Karl-Mythos auf eine eher ironische Weise genähert. Der italienische Renaissancedichter Ariost erzählt zwar die Geschichte eines Ritters, der für Karl gegen die Heiden kämpft. Aber bei ihm hat das alles eine mediterrane Leichtigkeit und ist von einem feinen Humor durchzogen, der mir wesentlich näher liegt als die historische Ernsthaftigkeit. Außerdem reizt mich als Opernkomponist natürlich die Theatralik der Ariost-Vorlage.

In Ariosts Versepos „Orlando furioso“ fliegt Astolfo, besagter Ritter Karls, mit einem fabelhaften Pferdevogel zum Mond. Was interessiert Sie an dieser Raumfahrt?

Schreier: Um genau zu sein, reist Astolfo zusammen mit dem Evangelisten Johannes in dem Wagen des Propheten Elias zum Mond, weil sie dort den verlorenen Verstand des Ritters Roland finden und zurückbringen wollen. Das hört sich erst mal ziemlich absurd an, aber mir gefällt einfach die ungezügelte Fantasie, mit der Ariost ein „Mashup“ (eine Art Collage, Anm. d. Red.) aus allen möglichen biblischen und mittelalterlichen Elementen herstellt. Und ich fand es interessant, Musik für eine Mondfahrt zu erfinden.

Wie klingt Ihre Mondfahrt?

Schreier: Das Stück beginnt mit einer Reihe von Fanfaren, die sozusagen den Auftritt des Ritters ankündigen und aus den Tönen A-A-C-H-E gebildet sind, also eine kleine Hommage an meine Heimatstadt. Nachdem der Sprecher erzählt hat, worum es geht, beginnt eine lang ausgesponnene und sehr ausdrucksvolle und melodiöse Bariton-Arie. Die Mondfahrt ist mit großem rhythmischem Drive gestaltet, der sich immer weiter steigert. Dann erhebt sich die Musik sozusagen in den Weltraum und wird sehr luftig und durchsichtig. Die Stelle, an der Roland seinen Verstand zurückbekommt, hat etwas Choralartiges, Religiöses. Dann endet das Stück mit einem leichten, fast heiteren Ausklang, wobei auch wieder die Fanfaren vom Anfang zu hören sind.

Zeitgenössische Musik und Popularität sind bei Ihnen keine Gegensätze. Kann sich das Publikum entspannt zurücklehnen?

Schreier: Ich bin ja nicht gerade als Avantgardist oder als Experimentator bekannt, und die „Prinzessin im Eis“ ist in Aachen auch sehr gut angenommen worden. Es ist mir ein Anliegen, mit meiner Musik etwas zu erzählen, und deswegen ist es mir sehr wichtig, dass der Inhalt auch beim Publikum „ankommt“, und dass die Leute nicht irritiert davorstehen wie vor einem Rätsel. Um das zu erreichen, benutze ich meine handwerklichen Fähigkeiten, genauso wie ein Schriftsteller, der einen Roman schreibt, oder ein Regisseur, der einen Film dreht. Das bedeutet aber auch, dass man als Zuhörer neugierig und aufnahmebereit sein und die Musik aktiv mitverfolgen sollte, anstatt sich nur davon berieseln zu lassen. Wenn man sich „entspannt zurücklehnen“ möchte, sollte man vielleicht lieber in die Sauna gehen oder sowas.

Woran arbeiten Sie zurzeit? Wieder etwas für Aachen?

Schreier: Im Moment arbeite ich an einer großen Oper, die in zwei Jahren in Wien uraufgeführt wird. Mit dem Theater Aachen bleibe ich weiterhin in Kontakt. Es hat mir großen Spaß gemacht, hier zu arbeiten — nicht nur weil Aachen meine Heimatstadt ist. Die Atmosphäre am Theater ist sehr angenehm, und es gibt eine große Offenheit für neue Musik und neue Stücke, was ich sehr schätze. Denn Oper muss eine lebendige Kunstform bleiben und darf sich nicht im Abspielen des immer gleichen Repertoires erschöpfen.