Heidenheim: Aachener Klänge auf Schloss Hellenstein

Heidenheim: Aachener Klänge auf Schloss Hellenstein

Er ist noch GMD in Aachen und bereitet sich intensiv auf seine neue Spitzenposition in Nürnberg vor. Er leitet derzeit zwei Festivals in seiner Geburtsstadt Heidenheim und im schweizerischen Flims und freut sich auf Opernprojekte in Basel und an der Hamburgischen Staatsoper.

Die Frage, ob das nicht etwas viel, vielleicht zu viel sei, beantwortet Marcus R. Bosch mit einem knappen „Ja”. Allerdings nicht erschöpft, sondern voller Tatendrang und Vorfreude. Und sein Terminplan lasse sich so organisieren, dass trotz aller Verpflichtungen der August ausschließlich der Familie gehören wird.

Der OB rief ihn an

Seit letztem Jahr leitet Bosch auch die traditionsreichen Opernfestspiele im schwäbischen Heidenheim. Er war überrascht, als ihn der Oberbürgermeister telefonisch bat, die künstlerische Leitung des kleinen, aber feinen Festivals auf der idyllischen Schlossruine Hellenstein hoch über dem 50.000-Einwohner-Städtchen zu übernehmen.


Die Erfolge des mittlerweile berühmten Sohns der Stadt sprachen sich auch im Schwabenländle herum, so dass man dort stolz ist, dass ein Kind der Stadt die Geschicke des stimmungsvollen Festes in Händen hält. Seit ihrer Gründung 1969 bildet das Herzstück der Festspiele jeweils eine große Opernproduktion vor der eindrucksvollen Freiluft-Ruine des ehemaligen Rittersaals. Diesmal stand Puccinis Reißer „Tosca” auf dem Programm, und im Leitungsteam begegnete man manchem Aachener Bekannten.

So etwa dem Bühnenbildner Detlev Beaujean, der den felsigen Hintergrund dezent mit einem schräg stehenden, mit apokalyptischen Heiligenbildern aus der Werkstatt Hieronymus Boschs, mit geschmücktem Kreuz und einigen Gitterwänden dezent dekorierte. Und dem Regisseur Martin Philipp, von 2005 bis 2008 Produktionsleiter am Theater Aachen und verantwortlich für die Uraufführung der Kinderoper „Der Räuber Hotzenplotz”.

Philipp inszenierte sauber, wenn auch unspektakulär am Text entlang, nutzte die Felsenkulisse für einen effektvollen Sprung Toscas in die schwäbische Tiefe und ließ vor allem die Bühnenpräsenz der Darsteller und das malerische Kolorit der Freilichtbühne zur Geltung kommen. Mit der sorgfältig ausgesuchten Besetzung und dem insgesamt hohen musikalischen Niveau bewies Bosch, wie ernst er auch hier seine Aufgabe nimmt.

Melba Ramos, eine rassige Puertoricanerin, schlüpft mit Haut und Haar in die Titelrolle und bleibt ihr stimmlich nichts an dramatischer Schlagkraft und lyrischer Wärme schuldig. Ihr Partner, Fulvio Oberto als Cavaradossi, zeigte sich ihr weitgehend ebenbürtig. Und der Aachener „Falstaff” Stefan Stoll steuerte einen stimmlich beeindruckenden Scarpia bei.

Nürnberger Symphoniker

Wesentliche Impulse gehen, wie erwartet, von Bosch am Pult der Nürnberger Symphoniker aus. Ein Orchester, nicht zu verwechseln mit dem neuen Ensemble Boschs, den Nürnberger Philharmonikern, das er dennoch auf ein beachtliches Spielniveau brachte. Die jeweils etwa 820 Besucher reagierten bei schwülen Abendtemperaturen bisher begeistert.

Die große Oper - im kommenden Jahr steht übrigens Beethovens „Fidelio” auf dem Programm - bildet allerdings nur eins von mehreren Highlights, die einen Besuch in Heidenheim lohnen. Aachens Kapellmeister Daniel Jakobi führte zusammen mit Heidenheimer Jugendlichen und dem Philharmonischen Orchester der Stadt durch ein Programm von der Klassik bis zum Rap. Die Jazzsängerin Rebekka Bakken war ebenso vertreten wie die erstklassige Blockflötistin Dorothee Oberlinger.

Zu einem Galakonzert reist am Dienstag das Sinfonieorchester Aachen an. Neben Berlioz’ „Symphonie Fantastique” steht mit der Solistin Rebecca Hartmann Sibelius’ Violinkonzert auf dem Programm.

Auch wenn sich im Laufe seiner Karriere die Verbindungen zu seiner Heimatstadt naturgemäß gelockert haben, freut sich Bosch über seine zumindest zeitweise Anwesenheit in der Stadt, die ihn mitgeprägt hat und in der noch seine Eltern wohnen. Umso mehr, als er die Bemühungen der Stadt um eine hochwertige musikalische Kultur fördern möchte. Dazu gehört nicht zuletzt die gute musikalische Ausbildung an den Schulen. Bosch erinnert sich, dass zu seiner Zeit jedes Gymnasium ein eigenes Sinfonieorchester unterhielt. Und das derzeit hauptsächlich mit Amateuren besetzte Philharmonische Orchester der Stadt soll zunehmend professionalisiert werden.

Ein weiterer schöner Saal

Neben Schloss Hellenstein stehen einige auch akustisch hervorragende Säle zur Verfügung. Unter anderem ein nagelneues Congress Center mit einem technisch auf dem neuesten Stand stehenden Theatersaal inklusive eines versenkbaren Orchestergrabens. Ein Saal, in den mühelos die Opernaufführungen bei schlechtem Wetter verlegt werden können. Davon blieben die diesjährigen Festspiele bisher zum Glück verschont. Und das soll auch beim Galakonzert der Aachener Sinfoniker und den letzten fünf „Tosca”-Aufführungen am 23., 24., 25. sowie am 30. und 31. Juli so bleiben.