Aachen: Aachener Beutekunst für immer russisch?

Aachen: Aachener Beutekunst für immer russisch?

Die Krim dürfte für die Ukraine verloren sein — und mit ihr wohl auch die Aussicht Aachens, jemals die knapp 80 Bilder aus dem Suermondt-Ludwig-Museum wiederzusehen, die 2008 im Kunstmuseum von Simferopol aufgetaucht waren.

Seit 2007 ist die Aachener Beutekunst dort ausgestellt. 1953 war sie über verschiedene Stationen nach Simferopol gelangt — am Ende einer langen Odyssee von der Auslagerung in der Meißener Moritzburg während des Zweiten Weltkriegs über den Abtransport in die Sowjetunion bis hin zum Verbleib im Heimatmuseum von Jalta, das keinen geeigneten Raum dafür gefunden hatte. Ein bayrisches Touristenpaar, des Russischen mächtig, entdeckte die Aachener Bilder dann 2008 völlig überraschend in einer Ausstellung im Museum Simferopol — die Endstation für immer, wie es nun aussieht.

Drei Mal reiste Museumsdirektor Peter van den Brink als Mitglied einer deutschen diplomatischen Kommission in die Ukraine, um das Thema in Kiew mit dem dortigen Kulturministerium zu besprechen. Das vierte Mal sollte jetzt im Mai stattfinden. Doch: „Das Auswärtige Amt hat die Reise abgesagt“, sagt van den Brink mit Bedauern und Verständnis zugleich. „Schließlich gehören die Bilder ja nicht mehr der Ukraine“ — sondern wie die gesamte Krim zu Russland.

Dabei hätte gerade jetzt die Chance bestanden, den gordischen Knoten zu durchschlagen: Mit einem außergewöhnlichen Vorschlag wollte van den Brink eine endgültige Lösung für die Aachener Kollektion ebenso finden wie für eine dauerhaft vertrauensvolle Kommunikation mit dem Museum auf der Krim, womöglich mit der Perspektive eines gelegentlichen Austauschs von Kunstwerken.

Um die Rückgabe von fünf, nur fünf, der 76 Bilder wollte van den Brink bitten — allerdings solche, die für Aachen eine ganz besondere Bedeutung haben: vor allem Johann Gottfried Pulians Gemälde „Das Aachener Münster“ von 1854/55. Im Gegenzug sollte das Kunstmuseum Simferopol alle anderen Beutebilder aus Aachen geschenkt bekommen.

Daraus wird nun nichts: Jetzt gehören sie sowieso alle Russland, denn die Duma, das russische Parlament, hatte 1998 in einem Gesetz pauschal die von sowjetischen Soldaten nach dem Zweiten Weltkrieg mitgenommenen Kunst- und Kulturgüter zu Staatseigentum erklärt. Deutschland hält dieses Gesetz für völkerrechtswidrig — was aber an den Tatsachen nichts ändert.

Die ganze Entwicklung auf der Krim, so der begründete Verdacht Peter van den Brinks, dürfte der Museumsdirektorin in Simferopol, Larina Vladimirovna Kudryashova, sehr entgegenkommen: „Sie ist ja selbst Russin und stammt auch noch aus einer edlen russischen Familie.“ Larina ist ein direkter Abkömmling des Fürsten Juri Dolgorukij, dem Gründer von Moskau. Der Aachener Museumsdirektor hat indes selbst Verständnis für die russische Seite, was die Krim angeht: „Die war immer russisch, vor der Zeit der Perestroika noch sehr viel mehr und stärker als heute.“

So verfahren die Lage um die Aachener Bilder auf der Krim auch sein mag: Peter van den Brink erkennt dennoch Perspektiven für Verhandlungen über andere Beutekunst aus Deutschland, die sich nach wie vor in der Ukraine befindet. „Gerade jetzt!“, sagt er mit Blick auf die versprochene Finanzhilfe der EU in Höhe von elf Milliarden Euro. „Man sollte die Hilfe an die Bedingung knüpfen, die Depots in Kiew und Odessa zu öffnen.

Dabei ginge es nicht um die Rückgabe von Kunstgegenständen, sondern darum, den Zugang zu ermöglichen. Die Zeit dazu ist reif.“ In Kiew und Odessa sollen große Bestände an Beutekunst aus Deutschland unter Verschluss gehalten werden. Van den Brink: „Klar, dass die Ukraine jetzt andere Sorgen hat. Aber das Thema sollte man trotzdem ansprechen.“

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