Aachen: Aachener Bachverein begeistert mit „Matthäus-Passion“ im Krönungssaal

Aachen : Aachener Bachverein begeistert mit „Matthäus-Passion“ im Krönungssaal

Wenn es einen Kanon unverzichtbarer Musikwerke gäbe, stünde Bachs „Matthäus-Passion“ an vorderster Stelle. Auch wenn sich die Aufführungspraktiken in den letzten 290 Jahren chamäleonartig gewandelt haben, sind nennenswerte Überraschungen angesichts der Popularität nicht unbedingt zu erwarten.

Es sei denn, man knöpft sich eine Fassung vor, der wir überhaupt erst zu verdanken haben, dass das Werk heute aus der vorösterlichen Zeit nicht mehr wegzudenken ist: Die der Wiedererweckung des Werks durch Felix Mendelssohn Bartholdy und seiner nicht minder aktiv beteiligten Schwester Fanny im Jahre 1829, also genau 100 Jahre nach der vermuteten Uraufführung.

Georg Hage ging jetzt mit dem Aachener Bachverein das Wagnis ein, die bahnbrechende Bearbeitung des damals gerade einmal 20-jährigen Mendelssohn im voll besetzten Krönungssaal des Aachener Rathauses zum Klingen zu bringen. Ein Wagnis, gilt doch die Bewunderung eher der Leistung der Mendelssohn-Geschwister, die Tür zur angemessenen Bewertung des Werks geöffnet zu haben, als der Fassung selbst.

Denn in der verzichtete man 1829 auf fast alle Arien, strich etliche Choräle, verwendete ein Hammerklavier und Klarinetten anstatt barocker Oboeninstrumente und sparte sich selbst in den wenigen verbliebenen Arien teilweise die Da-capo-Wiederholungen. Die rigorosen Striche nahm Mendelssohn 1841 in einer Überarbeitung teilweise zurück und fügte wenigstens einige Arien wieder ein. Dennoch verkürzt sich die Aufführungsdauer um immer noch eine gute halbe Stunde gegenüber dem Original.

Der Befürchtung, eine Bach-Aufführung in einem weichgespülten Klangbad erleben zu müssen, in ruhigen Tempi und mit allen Untugenden, die man, zum Teil unberechtigt, mit „romantisierenden“ Bach-Interpretationen verbindet, ist völlig unbegründet. Zu hören war eine straffe Aufführung mit einem trotz der großen Chorbesetzung und des modernen Instrumentariums schlanken Klangbild und vor allem mit einem dramatischen Impetus, der verständlich machen lässt, weshalb sich etliche, vor allem pietistisch oder calvinistisch orientierte Besucher der Bach'schen Uraufführung über die opernhaften Elemente des Werks beschwerten.

Hage greift diesen Vorwurf auf, indem er die theatralischen Essenzen pointiert ausspielt. Das schlägt sich nicht nur in den von Florian Cramer äußerst emotionsstark gestalteten, bisweilen schon grenzwertig forcierten und von Frederik Kranemann am Hammerflügel geradezu ruppig unterstützten Beiträgen der Evangelisten-Partie nieder. Auch die Chorpassagen in der Gerichtsszene würden mit ihrer Wucht und Schlagkraft auf der Opernbühne ihre Wirkung nicht verfehlen.

Bewusst nicht schmuseweich

Die von den Streichern sanft gestützten Christus-Rezitative lässt Hage transparent und bewusst nicht schmuseweich ertönen. Die Choräle erhalten ihre kontemplative Ausstrahlung eher durch die zurückhaltende Dynamik, weniger durch verzögerte Tempi, geschweige denn durch sentimentale Ausrutscher.

Der Chor des Aachener Bachvereins folgt Hages durchdachten und insgesamt spannenden Vorstellungen flexibel und auf gewohnt hohem Niveau. Adäquat agiert das Aachener Barockorchester. Neben dem Evangelisten hat die Sopranistin Katharina Persicke die größten solistischen Aufgaben zu erfüllen. Sie füllt die Partie mit großer, manchmal zu großer Stimme aus und unterstreicht den opernnahen Zug der Aufführung.

Die Altistin Marion Eckstein wird in der Mendelssohn-Fassung um einen großen Teil ihrer ursprünglich vorgesehenen Arien gebracht, kann aber die Rudimente mit ihrem warmen, gut geführten Mezzo rund- um überzeugend ausführen. Simon Schnorr gerät in den Bass-Arien angesichts des dramatischen Impetus der Aufführung mehrfach in Bedrängnis, gestaltet aber die kleineren Rollen, die dem Bass zugedacht sind, verlässlich. Raimund Nolte verzichtet als Christus auf zu viel Balsam und passt sich Hages Vorstellung nahtlos an.

Viel Beifall für eine interessante Begegnung mit einem wenig bekannten Einblick in die Rezeptionsgeschichte eines Schlüsselwerks der geistlichen Musik.

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