Aachen: 6. Sinfoniekonzert mit spannendem Programm

Aachen : 6. Sinfoniekonzert mit spannendem Programm

Obwohl nun Aachen wirklich nicht Paris ist, hatte das 6. städtische Sinfoniekonzert im Eurogress etwas von einem Heimspiel. Denn der musikalische Ausflug in die Stadt an der Seine führte unmittelbar an einem der rührigsten Mitglieder des Sinfonieorchesters Aachen vorbei: dem Oboisten Stéphane Egeling.

Der ist zwar in Bremen zur Welt gekommen, hat aber schon zur Geburt einen französischen Vornamen bekommen. Bevor es ihn beruflich nach Aachen verschlug, studierte er ganz frankophon in Metz und Saarbrücken.

Dort gründete er mit Kommilitonen das Trio Lézard, dessen Name ein wenig nach den französischen Künsten klingt, aber eigentlich Eidechse bedeutet. Jedenfalls machen die drei Männer seit 1990 Kammermusik auf Holzblasinstrumenten zusammen, wurden 2015 für ein besonders gelungenes Programm mit dem „Echo Klassik“ ausgezeichnet und hatten jetzt also im Eurogress quasi ein Drittel-Heimspiel: mit Noel Gallons „Konzert für Bläsertrio und Orchester“ von 1937.

Das Stück ist jetzt nicht der Kracher, was zum einen an der nicht gerade überragenden Bedeutung des Pariser Komponisten liegt, zu dessen Schülern immerhin Messiaen und Duruflé zählen. Vereinfacht gesagt, lässt er die 20 Minuten Stückdauer lang Oboe, Klarinette und Fagott immer einen Takt versetzt hintereinander einsetzen. Trotzdem klingt die Musik farbig und nach dem Paris der 30er Jahre, ein bisschen nach Jazz, ein bisschen nach Großstadt, ein bisschen nach neuer Zeit. Pfiffiger war da schon die Zugabe, ein Chanson eines gewissen Dino Olivieri, in dem ein pittoreskes Kontrabass-Sarrusophon, neben eine Bass-Oboe, zum Einsatz kommt. Außerdem spielte, neben dem Orchester, eine Sopranistin Akkordeon.

Virtuos in höchste Höhen

Ebendiese Larisa Vasyukhina hatte zuvor den ersten Teil des Konzerts maßgeblich mit ihrer mal rotzfrechen, mal virtuos in höchste Höhen sich aufschwingenden, mal bänkelsängerischen Stimme geprägt. Objekt dieser Kunstfertigkeit war Kurt Weills merkwürdiges Bühnenstück „Die sieben Todsünden“, zu dem Bert Brecht das Libretto (ziemlich frei nach der Bibel) schrieb.

Eine schizoide Anna ist die Protagonistin einer Odyssee durch sieben amerikanische Städte, vier Männerstimmen kommentieren ihr Handeln (als Familie), und eigentlich wird dazu auch von einer Anna II getanzt. Hier aber tauchten die Veranstalter die Eurogress-Bühne in laszives Lila, sparten sich die Tänzerin und verdoppelten die Stimme der Sängerin bei Bedarf mit einem Technik-Trick.

So konnte man mit Gewinn ein heute ziemlich unbekanntes Stück kennenlernen, das wahrscheinlich schon 1933, als Weill es im Pariser Exil schrieb, eher nach Dreigroschenoper klang, denn nach etwas wirklich Neuem.

So richtig nach Moderne und frühem 20. Jahrhundert klingt Alban Bergs „Lulu-Suite“, die der Zwölftonmeister 1934 aus seinem Opernfragment destillierte. Auch hier war wieder Larisa Vasyukhina zu erleben, bisweilen hinreißend expressiv, neben den von Kazem Abdullah in die abgründigen Klangschlachten geführten Sinfonikern. Furchtbar grandiose, gegen die Totalität der Tonalität rebellierende orchestrale Wucht, die nach dem zeitlich überdimensionierten ersten Konzertteil schon etwas anstrengend wirkte.

Zum Schluss jedoch versöhnte Debussys „La Mer“, jenes impressionistische Zauberkunststück aus Sonne, Wind, Wellen und durchaus stürmischen Ausbrüchen, Ohren und Herzen mit all dem Ungewohnten und Schwierigen der vorangegangenen zwei Stunden. Ein ungewöhnliches, mutiges, spannendes Konzert.