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Recklinghausen: 58. Ruhrfestspiele eröffnet: Motto „No Fear”

Recklinghausen : 58. Ruhrfestspiele eröffnet: Motto „No Fear”

Mit einem Kulturvolksfest sind am Samstag in Recklinghausen die 58. Ruhrfestspiele eröffnet worden.

„Haben Sie keine Angst”, rief der neue Intendant Frank Castorf gemäß dem Festival-Motto „No Fear” den vielen tausend Besuchern zu, die zum Auftaktspektakel mit Musik, Theater und Filmen gekommen waren. Über das Festival-Motto diskutierte Castorf mit SPD-Chef Franz Müntefering.

Bei den Ruhrfestspielen stehen bis zum 13. Juni Theater, Konzerte, eine Kunstausstellung und Filme auf dem Programm.

Es herrsche ein „sehr gefährlicher Zustand” in der Gesellschaft, mahnte Castorf. Parteien, Verbände und Familien lösten sich auf: „All das, was den Menschen aufgefangen hat, ist nicht mehr da.”

Müntefering meinte, es gebe zu wenige, die bereit seien anzupacken. Es herrsche große Angst in der Gesellschaft vor der Zukunft, der Globalisierung und der Arbeitslosigkeit. „Angst ist aber nicht durchgehend etwas Schlechtes. Angst kann auch Impulse auslösen.”

Der erste Vorhang bei den Ruhrfestspielen war am Freitagabend bei der Uraufführung von „Gier nach Gold” aufgegangen. Castorf inszenierte eine selbst erstellte Bühnenfassung von Frank Norris´ Roman „McTeague: A Story of San Francisco” von 1899.

Die Uraufführung polarisierte das Publikum im Festspielhaus. Buhs mischten sich unter den Schlussbeifall, in der Pause war ein Teil des Publikums verärgert gegangen. McTeague, der Held in „Gier nach Gold”, lebt als Zahnarzt in San Francisco geruhsam - bis ihn ein vermeintlicher Freund um seine Praxis bringt.

Mit der Arbeit verliert McTeague seine Orientierung. Als seine Frau, die in der Lotterie gewonnen hat, ihm nicht helfen will, wählt er die Gewalt: McTeague wird zum Mörder und Räuber. Als sein Gegner ihn verfolgt, geraten beide im Tal des Todes in eine gefährliche Situation.

Statt einander zu helfen, trachten sie sich weiter nach dem Leben. Ihre Unfähigkeit zum Kompromiss wird ihnen zum Verhängnis. Norris, ein Schüler Zolas und der bekannteste Vertreter des amerikanischen Naturalismus, hat seinen Roman mit deutlich didaktischer Absicht geschrieben; Frank Castorf übernimmt sie.

„Gier nach Gold” warnt vor zügellosem Egoismus, Habgier und Herrschsucht - Castorf greift in seiner Uraufführungs-Inszenierung den Neoliberalismus unserer Tage an. Seine Bilanz ist kompromisslos, provozierend und bildgewaltig.

Das engagiert spielende Ensemble zeichnet ein Panorama der Trostlosigkeit. So politisch wie der Auftakt wirkt das Programm auch sonst. Höhepunkte der insgesamt 25 Produktionen dürften zwei weitere Uraufführungen werden: René Polleschs „Pablo in der Plusfiliale”, eine kritische Auseinandersetzung mit der Globalisierung, und Franz Wittenbrinks neuer Liederabend „Brüder, zur Sonne zur Freiheit”.

Mit ungewöhnlichen Aktionen - Billard, Partys und Übernachtungsmöglichkeiten im Schlafsaal - wirbt Castorf um ein junges Publikum.