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Aachen: 4. Sinfoniekonzert: Klang-Ästhetik erster Güte fasziniert das Publikum

Aachen : 4. Sinfoniekonzert: Klang-Ästhetik erster Güte fasziniert das Publikum

„Ausverkauft“ hieß es zum 4. Sinfoniekonzert im Aachener Eurogress. Das allein spricht schon für das Vertrauen, das das Publikum in die Spielstärke des Aachener Sinfonieorchesters setzt.

Dass die Besucherströme auch bei einem hochwertigen, aber alles andere als populären Programm nicht abreißen, ist umso erfreulicher. Gelohnt hat sich der Besuch allemal.

Zwei Werke von Witold Luto-slawski, dem wichtigsten Vertreter der polnischen Nachkriegsmusik, und dessen Landsmann Karol Szymanowski, einem Grenzgänger zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert, bildeten das Zentrum der Programmfolge. Auch wenn Luto-slawskis 4. Sinfonie aus dem Jahr 1992 und Szymanowskis 1. Violinkonzert aus der Zeit des Ersten Weltkriegs über 70 Jahre von- einander trennen, zeigen sie doch in der schillernden Farbigkeit und der hypersensiblen Tonsprache unüberhörbare Gemeinsamkeiten.

Mit allen Raffinessen

Gefordert sind Klang-Ästheten erster Güte, und an diesen Qualitäten mangelt es dem Orchester an keinem Pult. Die klanglichen Raffinessen, die bizarren Mischungen und Schattierungen beider Werke setzt das Orchester vorbildlich um. Sowohl in Einzelleistungen, wenn zum Beispiel das elegische Klarinettensolo zu Beginn der Luto-slawski-Sinfonie samtweich ertönt, als auch im orchestralen Gesamtaufriss. Ein weiterer Fortschritt in Sachen Klangkultur, den Generalmusikdirektor Kazem Abdullah als Erfolg verbuchen kann.

Schade, dass sich die dichten Klangballungen in den Höhepunkten pathetisch verdickten und die irisierend flirrende Schwerelosigkeit der Klangwunder gefährdeten. Ein beträchtlicher Anteil daran ist der im Eurogress wohl nicht auszumerzenden Unausgewogenheit zwischen dem Blech und der zu dünn klingenden Streichergruppe anzulasten.

Umso besser passte sich das Orchester der vorzüglichen niederländischen Geigerin Liza Ferschtman an, die die perlenden Läufe und Klangkaskaden im anspruchsvollen Szymanowski-Konzert mit exzellenter Spielkultur ausführte, ohne es an emotionaler Intensität und Nachdruck in den dramatischeren Teilen mangeln zu lassen. Eine Interpretation, die die ebenso faszinierende wie idiomatische Tonsprache des Meisters makellos zur Geltung brachte.

Begeisterter Beifall

Die beiden polnischen Kernstücke des Abends wurden flankiert von zwei Zugstücken des osteuropäischen Repertoires. Tschaikowskys Fantasie-Ouvertüre „Romeo und Julia“ sowie Franz Liszts symphonische Dichtung „Les Préludes“ waren bereits vor ein paar Wochen im Universitätskonzert „Einsteins Musicbox“ zu hören. Zwischenzeitlich hat Abdullah den Klang verfeinert, neigt aber bei beiden Stücken in den langsamen Teilen zu einer zähen Schwerfälligkeit, um die dramatischen Teile umso ungestümer angehen zu können. Ungeachtet aller schönen Details wirkten beide Interpretationen arg pathosbeladen.

Zu Recht begeisterter Beifall für Solistin, Orchester und Dirigent. Auch für die Raritäten aus dem polnischen Nachbarland.