Moers: 38. Moers Festival: Unterhaltung mit Obama-Faktor

Moers: 38. Moers Festival: Unterhaltung mit Obama-Faktor

Manchmal fragt man sich schon, warum das Publikum des Moers Festivals nun gerade diese Gruppe so frenetisch bejubelt. Die drei sehr zierlichen Japanerinnen zum Beispiel, die als „akustische Frontalattacke” angekündigt waren und unter dem schönen Namen Nisennenmondai auftraten, was zu Deutsch „Das Jahr 2000 Problem” heißen soll.

Die Menschheit sorgte sich damals, ob die Computer die Wende zum 21. Jahrhundert schafften oder uns ins Jahr 1900 zurücksetzten. Nun, die Computer kamen damals geräuschlos rüber, während sich die drei jungen Musikerinnen aus Tokio mit ihrem hypnotischen Bum-bum-bum-bum für Discos hinter Lärmschutzwällen empfahlen.

Es geht auch andersherum. Man kommt gerade, noch beeindruckt von der rhythmischen Wucht einer norwegischen Formation mit dem unmerkbaren Namen Eivind Aarset Sonic Codex Orchestra aus dem Festivalzelt und wird prompt von zwei Moers-Intellektuellen der ersten Stunde cool beschieden, dass das doch wohl unter Moerser Innovations-Niveau sei.

Diesmal 12.000 Besucher

Kommen die meisten Besucher wirklich - 12.000 waren es, 1000 mehr als im vorigen Jahr zu Pfingsten - weil sich der künstlerische Leiter Reiner Michalke „dem Aktuellen in der Kunst verpflichtet fühlt”, und als das Aktuellste jene US-Jazzszene, nunmehr mit Obama-Faktor, ausgemacht hat, von der im vergangenen Jahr noch angeblich keine relevanten Impulse mehr ausgingen?

Tatsächlich zum Kochen brachte das Zelt sowohl die afrikanisch-europäische Powershowgruppe um die Sängerin Rokia Traor, wie die auch sportliche Höchstleistung des New Yorker Saxophonisten Colin Stetson auf einem mannshohen Bass(!)-Saxophon. Mit der Entwicklung neuer improvisierter Musik hat beides nichts zu tun.

Man bejubelt den Wahnsinns-Schlagzeuger, den mitreißenden Saxophonisten, die atemberaubende Präzision, in der etwa der Organist Wayne Horvitz sein Oktett zappaartig durch die komplexesten Rhythmen jagt. Und man hat Spaß an dem Witz, mit der eine dieser New Yorker „young guns” namens Mostly other People do the Killing respektlos durch die Jazzgeschichte preschen. Das ist, im besten Sinne, Unterhaltung - eine lange verpönter Kategorie in der Avantgarde.

Ein sehr gutes Händchen hatte Michalke beim 38. Moers Festival auch bei der Auswahl der größeren Formationen. Fast ein Viertel der 22 Gruppen trat in Big-Band-Stärke auf und nährte die Frage, ob die nachhaltigen Entwicklungen der jazzartigen Musik im Moment weniger im improvisierenden Suchen von Trios als in den Kompositionen für größere Klangkörper zu suchen sind. Beeindruckend etwa die Spannung, die der Argentinier Guillermo Klein mit Metren- und Tempiwechsel erzeugte, bis die Band (Los Guachos) endlich abheben durfte, um dann allerdings ein bisschen konventionell zu landen. Jubel, ohne Frage.

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