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Aachen: 10 Gebote des 21. Jahrhunderts

Aachen : 10 Gebote des 21. Jahrhunderts

Wie verarbeiten Künstler den gegenwärtig gewaltigen gesellschaftlichen Umbruch in der nordöstlichen Ecke Europas - in Finnland, Estland und Russland?

Diese Frage war für die beiden Köln/Bonner Kuratoren Andreas Vowinckel und Ritva Röminger- Czako der Ausgangspunkt für eine Ausstellung, die am Freitag um 20 Uhr unter dem Titel „Borderlives. Zeitgenössische Kunst aus Helsinki, St. Petersburg und Tallinn” im Aachener Ludwig Forum eröffnet wird.

Das Kunstwort „Borderlives” - in Anlehnung an „borderline” (Grenzlinie) - signalisiert, welche „Grenzerfahrungen” gemeint sind: die Umwälzungen in drei historisch verbundenen Kulturlandschaften seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion.

Diese inhaltliche Festlegung brachte es mit sich, dass sich nun 16 junge Künstler in der Schau wiederfinden, die sich ausschließlich dokumentarischer Medien bedienen: Foto-, Video, DVD-Projektionen und Computerbearbeitungen - westlich orientierte Medienkünstler, die entweder bereits arriviert sind oder den Weg auf die internationale Bühne noch suchen.

Globale Probleme

Keine Frage: Die globalen Probleme sind auch bis in den letzten europäischen Zipfel vorgedrungen und werden dabei nicht immer so plakativ kommentiert wie von der Finnin Tea Mälipää: Sie wirft die „Zehn Gebote des 21. Jahrhunderts” über einem putzigen Rentierkind auf die Wand: „1. Do not fly. 2. Recycle. 3. Use a bicycle or publik transportation instead of a car...” Amen!

Auch in St. Petersburg ist man auf der Höhe der Zeit: Ludmila Belova beunruhigt der Astro-Schrott im Weltall - auf Satellitenaufnahmen, unter anderem von Aachen, nummeriert sie die einzelnen Himmelsmüllobjekte. Just letzte Woche soll in Finnland tatsächlich eines davon ein Garagendach durchschlagen haben...

Bodenständiger interessiert ist der Finne Veli Grano, der seine Videos den Außenseitern der Gesellschaft, zum Beispiel einem Straßenmusiker in Helsinki widmet, indem er dessen als magisch empfundene Musik in ziemlich abstrakte bewegte Bilder ummünzt.

Der Russe Vladimir Bystrov nimmt das Terroristenattentat im Moskauer Musicaltheater 2002 zum Anlass einer Rauminstallation „1. September” mit großen Fotos von erwartungsfroh gestimmten Schulanfängern vor einem bedrückenden, mit Maschendraht abgeschirmten Raum - und zerfetzten Schuhen: die drastisch-konkrete Umschreibung des Konflikts zwischen scheinbar heiler Welt und tatsächlicher Rolle der gern geopferten Schwachen im Lande als Spielball der Mächtigen.

Der estnische Medienkünstler Marco Laimre dokumentiert mit Videos die Straßenkämpfe in Tallinn im letzten Jahr, angezettelt von russischen Esten, als das russische Kriegerdenkmal aus dem Zentrum der Stadt auf einen Friedhof verlegt werden sollte.

Ähnlich die Arbeitsweise des Russen Dmitry Vilensky, der den Protest gegen das Weltwirtschaftsforum 2006 in St. Petersburg auf Video bannt.

Gesellschaftliche Selbstvergewisserung, die Suche nach Wahrheit statt Ideologie und Gängelung - für die nordosteuropäischen Künstler sind das offenbar ganz starke Motive ihrer Arbeit.