Aachen: „Konkret krass”: Der Präsident küsst Lidwine - Wie eine französische Studentin den Karlspreis erlebt

Aachen : „Konkret krass”: Der Präsident küsst Lidwine - Wie eine französische Studentin den Karlspreis erlebt

Hat man auch nicht alle Tage: „Aufregend wars, einfach sensationell.” Und mit ihrem Akzent hört sich das noch ein wenig enthusiastischer an.

Die Reimser Studentin Lidwine Thomas, begleitet von den AZ-Redakteuren Albrecht Peltzer und Bernd Büttgens, kreuzt zwei Tage lang immer wieder die Wege des Karlspreisträgers Valéry Giscard dEstaing.

Und Monsieur le Président fällt die sympathische Studentin, die ein europäisches Doppeldiplom an der Université Reims und an der RWTH Aachen anstrebt, sofort auf.

Die Beiden kommen ins Gespräch - und es wird für die 24-jährige Lidwine Thomas zum unvergesslichen Erlebnis: der Karlspreis 2003, mal aus anderer Sicht erzählt.

Der Kuss, so viel steht fest, war „konkret krass”. Als Valéry Giscard dEstaing bei der Dombesichtigung am Mittwochabend erfährt, dass Lidwine Thomas just an diesem Tag ihren 24. Geburtstag feiert, steuert er spontan auf die Reimserin zu, drückt sie an sich, Küsschen linke Wange, Küsschen rechte Wange: „Mes félicitations”.

Es wird nicht die letzte Begegnung der Beiden sein: der Karlspreisträger und die französische Gaststudentin, eine voll bis konkret krasse Freundschaft. Ja, weist Lidwine Thomas die Sprachhüter zurecht, so reden die Öcher Studenten eben. Krass - wir übersetzen es mit „überwältigend”.

Später, als alle Reden gehalten, alle Glückwünsche verteilt, die Prominenz auf dem Heimweg ist, da wird Lidwine tatsächlich sagen: „Es waren zwei überwältigende Tage.”

Als Französin in Aachen, als künftige Absolventin eines Doppeldiploms der Uni Reims und der RWTH ist für die Germanistik- und Romanistik-Studentin Lidwine und ihre Kommilitonen das Thema Europa nicht nur von wissenschaftlichem Interesse.

„Ja, ich fühle mich als Europäerin”, sagt sie selbstbewusst. Und forsch geht sie auch ihre Aufgabe an, Giscard und den Karlspreis einmal aus anderem Blickwinkel zu beschreiben.

Am Mittwochabend gibt es auf ihrer kleinen improvisierten Geburtstagsfeier im Kreise von Kommilitonen im Studentendorf nur ein Thema: Lidwine und der Karlspreis. „Da kommt unser Star”, frotzeln die Studenten; sie nimmts mit einem Lächeln zur Kenntnis. Denn eigentlich wären alle gerne so hautnah dabei gewesen.

Wie wirkt der Karlspreis auf jemanden, der diese ganze Zeremonie - wenn überhaupt - nur aus TV-Kurznachrichten kennt? Die Aula Carolina am Tag vor der Karlspreisverleihung.

Traditioneller Aufgalopp lokaler und überregionaler Prominenz zum festlichen Abendessen, Sicherheit wird doppelt groß geschrieben, gepanzerte Fahrzeuge blockieren die Pontstraße.

Alles wartet auf Giscard - doch der hat seinen ersten Gruß reserviert: „Elle est toujours là - sie ist immer da”, ruft er Lidwine, die vor der Aula steht, Augen zwinkernd zu.

Dass die so Gegrüßte auch das selbstverständlich krass findet, darf man als gesetzt ansehen, wenn sie sich die Bemerkung in diesem Fall auch verkneift. Helmut Schmidt ist da, Václav Havel kommt mit seiner Frau - „wow”, näher dran ist nicht mehr möglich.

Aachen, sagt die junge Französin sei sehr europäisch, eine offene Stadt mit freundlichen Bürgern - „man kann sich hier wohlfühlen”. Doch weiß sie sehr wohl, dass an anderen Orten noch viel Überzeugungsarbeit geleistet werden muss. Deshalb, Vorfahrt für Europa, Vorfahrt für Giscard und seine Verfassung - selbst bei Details ist Lidwine bestens im Bilde.

Der Himmelfahrtstag. Strahlender Sonnenschein, nur wenige Zaungäste an der Absperrung, ein einsam hektischer Kripo-Beamter, viele ruhige Kollegen. Es ist kurz nach zehn Uhr, als die Festgäste den Dom Richtung Krämerstraße verlassen. Giscard wird von Bundespräsident Johannes Rau und Gattin Christine sowie vom Ehepaar Linden begleitet. Man talkt traditionell small.

Doch der Karlspreisträger hört nicht zu, denn - man ahnt es - er hat die französische Nachwuchsjournalistin wieder entdeckt. Raus aus der Promi-Schlange, „bonjour, Mademoiselle”, begrüßt Giscard seine Landsfrau. Und ohne Wangenkuss geht das natürlich nicht!

Die Damen und Herren mit den Knöpfen im Ohr und den dezent ausgebeulten Jacketts werden leicht nervös. Derlei Ausflüge gestatten sich Karlspreisträger eher selten.

Lidwine hat an diesem Tag freien Zutritt zu Rathaus und Krönungssaal. „Ohlala”, sagt sie in dem Moment, als Joschka Fischer an ihr vorbeigeht. „Er ist sehr beliebt in Frankreich.”

Jüngste Umfragen sehen den deutschen Minister bei den französischen Europäern ganz vorne. „Er wäre ein guter Außenminister für uns alle”, sagt die Studentin, die sich durchaus vorstellen kann, „später einmal in den Dienst irgendwo bei der EU einzutreten”.

Beim Festakt im Krönungssaal erobert Giscard dEstaing nun endgültig alle Sympathien der Reimserin. Wenn ihr auch die Zeremonie an sich „etwas steif, eher staatstragend” vorkommt, so hält sie den 77-jährigen Karlspreisträger für „richtig gut drauf”. Weil: „Er hat Visionen, er ist optimistisch, und er betont, dass Europa vor allem von den Bürgern gelebt werden muss.”

Lidwine ist eine junge Frau, die diese große Chance Europa nutzt. Es sei noch erwähnt, dass die Reimserin beim Verlassen des Krönungssaals wieder Giscards Weg kreuzt. Diesmal gibt es ein Autogramm und noch mal einen schriftlichen Geburtstagsgruß. Sie spricht jetzt nur noch in Superlativen über ihre Karlspreis-Erfahrungen.

Schließlich entert die junge Frau mit den Ehrengästen den sonnenüberfluteten Katschhof, dort ist die Stimmung noch gelöster, freundlicher, spontaner als zuvor. „Ich hätte das so gar nicht erwartet”, bekennt Lidwine Thomas mitten in der Menge. Das Bild vom „abgeschotteten Karlspreis” schwindet.

Für die Studentin ist diese Stadt und dieser Karlspreis - sagen wir es mit unseren Worten - eine konkret krasse Angelegenheit.

Und einmal im Aachen-Fieber scheut sich die Französin dann auch nicht, das Interview mit dem Karlspreisträger anschließend zusammen mit dem AZ-Kollegen Robert Esser zu führen. Wie das war? Zur Abwechslung mal „voll cool”!