Kommentiert: Das ist Euer Europa!

Kommentiert: Das ist Euer Europa!

Europa ist eine Klasse für sich. Was würden wir ohne die europäische Union denn tun? Carlo Azeglio Ciampi bringt das in Aachen mit einem Appell an die Jugend auf den Punkt.

Ihr seid in einem Europa des Friedens geboren, Ihr könnt Euch ohne Behinderungen von einem Land in das andere begeben. Ihr könnt gemeinsam mit Euren Altersgenossen der anderen europäischen Nationen leben, studieren, arbeiten und die Zukunft planen, anstatt Euch in Schützengräben gegenseitig zu töten.

Und worüber reden wir? Über Antidiskriminierungsgesetze und Feinstaub, über EU-Bürokratie und nationale Egoismen.

Bundespräsident Horst Köhler hält keine pathetische Sonntagsrede, sondern wirbt pragmatisch für eine bessere Transparenz. Was Ciampi „zivile Leidenschaft” nennt, fasst Köhler in klare Forderungen an Politiker und Bürokraten: Weg mit der technokratischen Fachsprache der Kommission! Mäßigung des Regulierungseifers der Ministerräte! Europa den Menschen erklären, verständlicher machen, weil Europa für die Bürger und nicht für die Technokraten ist.

Ciampi und Köhler: Das waren gestern zwei sympathische, kompetente und glaubwürdige Verfechter eines bürgerlichen Europas. Zwei, die überzeugte und überzeugende Europäer sind. Die unerledigte Aufgaben nicht verdrängen, aber sie nicht als unüberwindliche Hürden aufbauen. Zwei, die - wie es Ciampi in seinem Leben eindrucksvoll bewiesen hat - mit langem Atem an der Baustelle Europas arbeiten.

Europa ist gut, aber warum merken es die meisten Bürgerinnen und Bürger nicht? Nationale Egoismen, die ständige Frage von Staats- und Regierungschefs, was sie für ihr Land und nicht, was sie gemeinsam für Europa erreicht haben, der faule Kompromiss von Nizza: Das sind die medialen Sargnägel europäischer Akzeptanz. Was haben wir schon erreicht! Und wie wenige reden darüber. Konnte sich vor Jahren jemand ernsthaft vorstellen, dass der polnische Außenminister Bronislaw Geremek heute als Abgeordneter im Europäischen Parlament sitzt? Glaubte irgendeiner an die neue Mitgliedsstruktur der NATO?

Viele Menschen haben Angst vor der Globalisierung und ihrer anonymen Wucht, mit der sie den sozialen Alltag zu verändern droht. Die Antwort darauf könnte ein Europa sein, das seine Rolle als soziale und an Menschenrechten orientierte Weltmacht definiert. Das sollte - nach der gemeinsamen Währung und der gemeinsamen Verfassung - der Beitrag sein, den Köhler und Ciampi für ein Europa der Menschen forderten. Und das war die wichtigste Botschaft des Karlspreis-Tages, wunderbar ergänzt um jenen Optimismus und jene Fröhlichkeit, die der junge alte Mann aus Italien ausstrahlte.