Hückelhoven: Koala stärkt die Kinder in ihrem Selbstwertgefühl

Hückelhoven: Koala stärkt die Kinder in ihrem Selbstwertgefühl

Stellen Sie sich vor, nur mal so angenommen: Sie würde es mit Ihrer Familie - aus welchen Gründen auch immer - nach Istanbul verschlagen. Ihre Kinder müssten dort zur Schule gehen. In eine ganz normale türkische Grundschule.

Ihre Kinder hätten Schwierigkeiten. Und Sie hätten ein Problem, weil Ihre Kinder ein Problem haben.

Genau in dieser Situation sind aber ganz real viele Kinder, deren Eltern - aus welchen Gründen auch immer - nach Deutschland gekommen sind. „Von unseren rund 300 Schülern haben etwa 66 Prozent einen Migrationshintergrund”, sagt Dirk Gröbert. Der ist Rektor der Grundschule An der Burg in Hückelhoven. Aus dreizehn verschiedenen Herkunftsländern kommen die Kinder an seiner Schule. Aber natürlich: „Die weitaus meisten sind türkischer Abstammung.”

Doppelte Halbsprachigkeit

Für die ist Deutsch die zweite Sprache, in der sie sich ausdrücken müssen: Zuhause wird türkisch gesprochen, in der Schule sollen sie dem Unterricht in deutscher Sprache folgen. Das kann nicht gut gehen. „Kinder mit Migrationshintergrund wachsen in einer doppelten Halbsprachigkeit auf, sagt Gröbert. Weder im Elternhaus noch im Kindergarten und auch nicht in der Grundschule wird diesen Kindern eine ihrer Situation angepasste Hilfe in der Entwicklung der Sprache geboten.

Und genau hier setzt ein Projekt an, das in der Grundschule An der Burg als einziger im Kreis Heinsberg seit dem Schuljahr 2003/2004 mit greifbarem Erfolg praktiziert wird: „Koala” ist es benannt. Koala wird zwar allgemein auch als putziges Bärchen angesehen, steht aber hier für „Koordinierte Alphabetisierung im Anfangsunterricht”. Denn der Koala ist eigentlich ein Beuteltier und soll, auch im pädagogisch übertragenen Sinn, etwas transportieren: Koala soll Kindern helfen, mit ihrer Mehrsprachigkeit zurecht zu kommen.

Eine eigene Planstelle für das Projekt

„Wir haben mit Dr. Gülten Corlu an unserer Schule eine ungemein engagierte und kompetente Fachkraft, die das Projekt Koala vorbildlich umsetzt”, sagt Rektor Dirk Gröbert. Der nachhaltige Erfolg, den Dr. Corlu sowohl hinsichtlich der Sprachentwicklung der türkischen Schüler als auch im Hinblick auf deren Integration in unsere Gesellschaft mit ihrem Unterricht erzielt, aber auch der Nutzen, den die deutschen Kinder von diesem Konzept haben, lässt sich auch daran ablesen, dass die Bezirksregierung in Köln jetzt eine halbe Planstelle zusätzlich für dieses Projekt bewilligt hat.

Gröbert nennt die grundlegenden Ziele, die mit dem Schulprojekt verfolgt werden: „Verbesserung der Sprachkenntnis in beiden Sprachen; die Förderung des Sprachbewusstseins durch den Sprachvergleich; das ganzheitliche Wahrnehmen der beiden Sprachen und Kulturen und letztendlich die Verbesserung der schulischen Leistung durch Integration.”

Das so genannte Team-Teaching, also der Unterricht der Klassenlehrkraft zusammen mit der Muttersprachenlehrerin, findet pro Klasse täglich eine Stunde statt. Herkunftssprachlichen Unterricht in Türkisch gibt es in der Grundschule An der Burg wöchentlich drei Stunden - wenn die deutschen Schüler Religionsunterricht haben.

Die Schüler werden im Unterricht auch in ihrer Herkunftssprache dort abgeholt, wo sie stehen; „es wird versucht”, so Dirk Gröbert, „ihre beiden Sprachen und Kulturen zueinander in eine positive Beziehung zu setzen.” Damit die Kinder mit ihrer Zweisprachigkeit bejahender umzugehen lernen.

„Die Schüler”, sagt Gröbert weiter, „erfahren so, dass sie an unserer Schule mit ihren beiden Sprachen und Kulturen willkommen sind.” Der durchaus gewollte Effekt dabei: Das Selbstwertgefühl der kleinen Schüler wird gestärkt. Denn: Wer sich ausdrücken kann, steht nicht im Abseits. Man könne, sagt Gröbert, die positive Wirkung von Koala auf das Verhalten der Kinder ganz handfest sehen: „Die klassischen Konflikte zwischen deutschen und türkischen Kindern gibt es bei uns nicht.”

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