Unicef-Spendenaktion: Kinderarbeit statt Schulbesuch: Keine Zeit zu träumen

Unicef-Spendenaktion : Kinderarbeit statt Schulbesuch: Keine Zeit zu träumen

Dies ist eine Geschichte von Armut. Von einer Familie, die um das kleine Bisschen, was sie zum Überleben braucht, hart kämpfen muss. Es ist eine Geschichte von Rückschlägen und geplatzten Träumen – an deren Ende man sich hilfesuchend nach einer Perspektive umschaut. Und es ist eine Geschichte, wie man sie in Malawi zu oft hört.

Die Familie sitzt auf zwei riesigen Planen im Schatten von Mangobäumen, als wir über einen kleinen Trampelpfad zu ihrem Haus laufen. Die zwölfjährige Pililani und ihre Schwester Oniya (6) gucken uns mit großen Augen gleichermaßen skeptisch und neugierig an, als wir Platz nehmen und uns vorstellen. Der zweijährige Junio drückt sich verhalten an seine Großmutter Maliam. Sie lächelt und begrüßt uns mit einem herzlichen „Zikomo“, was so etwas wie „Danke“ und „Willkommen“ gleichzeitig heißt.

Maliam ist das Familienoberhaupt, alle Blicke gehen immer wieder fragend zu ihr. Die Frau ist schätzungsweise Mitte 60 Jahre alt. Ihr genaus Alter kennen die Unicef-Mitarbeiter nicht. Maliam selbst auch nicht. Die Großmutter ist mittlerweile stark eingeschränkt, durch die Folgen eines Schlaganfalls ist sie beim Gehen komplett auf Unterstützung anderer angewiesen– arbeiten kann sie nicht mehr. Das war bis vor wenigen Monaten noch ihre Aufgabe.

Ihr Mann lebt nämlich bei seiner zweiten Frau, ist nur selten vor Ort und kommt noch seltener für Kosten der Familie auf. Auf ihre erwachsenen Kinder kann sie nur bedingt zählen: Die eine Tochter, Mutter von Pililani, Oniya und Junio, leidet unter mehreren Krankheiten wie Epilepsie, ein anderer Sohn ist erblindet.

 Auf ein paar Bambusmatten sitzend erzählt die Familie von ihren Herausforderungen.
Auf ein paar Bambusmatten sitzend erzählt die Familie von ihren Herausforderungen. Foto: Thoko Chikondi

Und dann ist da noch Ibra Petulo (17), der jüngste Sohn von Maliam. Er lebt ebenfalls hier und sollte eigentlich noch zur Schule gehen. Doch in Wahrheit lastet auf ihm längst die Verantwortung für die ganze Familie. Dabei sieht man ihm an, dass er selbst noch nicht ganz dem Kindesalter entwachsen ist.

Kinderarbeit im Nachbarland

Ausnahmsweise ist auch er an diesem heißen Nachmittag hier bei seiner Familie. Mehrere Wochen lang war er fort, verpasste die Schultage, weil er sich viele Kilometer entfernt, im Nachbarland Mosambik als Tagelöhner durchgeschlagen musste – um Geld für die Familie zu verdienen. Wieder einmal. Dort musste er jede Arbeit annehmen, die sich ihm bot. Zuletzt half er, Felder zu bestellen und Gartenarbeiten zu erledigen. Einen Monat arbeitete er dort und hat statt Geld einen Sack Mais als Lohn bekommen. Stolz zeigt er uns den Sack: Aus den Körnern bereitet sich die Familie die Nationalspeise Nsima zu. Die Menge wird für die siebenköpfige Familie etwa einen Monat reichen – wenn es nur eine Mahlzeit am Tag gibt. Und genau so scheint es zu sein.

Ibras Arbeit in Mosambik war auch ein verzweifelter Versuch, genügend Geld für den Besuch der weiterführenden Schule aufzubringen. Rund zehn US-Dollar kostet ein Trimester. Für uns eine kleine Summe – für die bitterarme Familie eine kaum erreichbare Menge. Die Schule ist etwa 27 Kilometer vom Haus der Familie entfernt – eine Strecke, die Ibra nicht täglich zu Fuß zurücklegen könnte – also würden zu dem Schulgeld auch noch Kosten für Unterkunft und Essen dazukommen.

 Der 17-jährige Ibra war viele Wochen nicht mehr zu Hause: Im Nachbarland Mosambik hatte er gearbeitet, um Geld für die Familie und seinen Schulbesuch zu verdienen.
Der 17-jährige Ibra war viele Wochen nicht mehr zu Hause: Im Nachbarland Mosambik hatte er gearbeitet, um Geld für die Familie und seinen Schulbesuch zu verdienen. Foto: Thoko Chikondi

Ibra lächelt bitter. Er weiß, dass seine Lage beinahe aussichtslos ist. „Eigentlich hätte ich heute Examens-Prüfungen“, gesteht er traurig. „Aber weil ich die Schulgebühren nicht zahlen konnte, darf ich nicht teilnehmen. Wäre ich nicht so gern in der Schule, hätte ich schon längst diesen Kampf um das Schulgeld aufgegeben.“

Ehrenamtliche Familienhilfe

Hanna Klothiwa sitzt an diesem Nachmittag mit uns bei der Familie. Sie war auf deren Probleme aufmerksam geworden, weil sie nicht weit entfernt wohnt. Mehrere Jahre schon beobachtete sie die Familie dabei, wie sie sich durchschlug. Aber vor dem Training zur ehrenamtlichen Sozialarbeiterin durch ein Unicef-Programm hatte sie nicht das Wissen oder auch die Autorität, die Familie anzusprechen. Als sie dann aber bemerkte, dass die zwölfjährige Pililani an vielen Vormittagen überall aber nicht in der Schule war, wurde Hanna aktiv und schritt ein.

 Hanna Klothiwa ist als ehrenamtliche Sozialarbeiterin auf die Familie aufmerksam geworden. Nun versucht sie, den Kindern zu helfen, indem sie unter anderem das Gespräch mit den Lehrern führt, um Oniya und Junio in einem frühkindlichem Bildungsprogramm unterzubringen.
Hanna Klothiwa ist als ehrenamtliche Sozialarbeiterin auf die Familie aufmerksam geworden. Nun versucht sie, den Kindern zu helfen, indem sie unter anderem das Gespräch mit den Lehrern führt, um Oniya und Junio in einem frühkindlichem Bildungsprogramm unterzubringen. Foto: Thoko Chikondi

Pililani ist ein ernstes Mädchen mit kritischen Augen. Wenn man sie über die Schule ausfragt, wird sie sehr wortkarg. Die Aufmerksamkeit scheint ihr unangenehm. Sie sei gern in der Schule, ihre Lehrerin nett. Mehr bekommen wir zunächst nicht aus ihr herausgekitzelt. Auch ihre Schwester Oniya hat längst eine unsichtbare Mauer um sich herum aufgebaut – obwohl Mutter und Großmutter die beiden ermutigen, etwas mehr zu erzählen.

Erste Schreibversuche

Also greifen wir zu einem bewährten Mittel: Wir spielen ein Spiel, und bringen ihnen Schnick-Schnack-Schnuck bei. Innerhalb kürzester Zeit haben beide das Spiel verstanden und besiegen uns das erste Mal. Plötzlich ist die Stimmung gelöster, Pililani rennt davon und kehrt bald zurück, um uns stolz ein abgegriffenes Heft zu zeigen – darin ihre ersten Schreibversuche. Ihre kleine Schwester Oniya singt danach das Alphabet auf Englisch. Pililani will es ihr nachmachen: Sie versucht, die Monate in die richtige Reihenfolge zu bringen und kommt immer wieder durcheinander. Oft war sie in den vergangenen Jahren nicht in der Schule. So viel ist schnell klar.

Eigentlich besucht sie die zweite Klasse der Grundschule – für eine Zwölfjährige natürlich eigentlich viel zu spät. Wenn ihr junger Onkel Ibras in Mosambik arbeitet, ist es an ihr, das Geld zu verdienen. Oft erhalte das Mädchen kein Geld, sondern wird wie Ibras mit Naturalien wie etwas Reis abgespeist. Insgesamt wirkt sie für ihr Alter viel zu klein – eine Folge der Mangelernährung, die sie ihre ganze Kindheit schon begleitet. Meist schaffe sie es nur zwei bis drei Mal pro Woche, zur Schule zu gehen, berichtet sie zögerlich. Denn wenn sie eine Gelegenheit zum Arbeiten findet, gehe das stets vor. Das wirkt sich natürlich auch auf ihre Leistungen in der Schule aus.

Die Corona-Pandemie habe ihre Situation zusätztlich noch verschlimmert: Die kleinen Gelegenheitsjobs für das Mädchen gab es nicht mehr, viele Produkte wurden teurer, sodass insgesamt noch weniger Geld für die Familie zur Verfügung stand. Als dann die Schulen schlossen, fiel für Pililani auch das sporadische Schulessen weg. „Ich war nur noch zu Hause. Dadurch hat sich mein Leben sehr verschlechtert.“, bedauert sie.

Pililani träumt davon, Englisch zu lernen und einmal Lehrerin zu werden. Die ehrenamtliche Sozialarbeiterin Hanna besucht die Familie jetzt regelmäßig – man spürt, dass sie ein Vertrauensverhältnis zu den Frauen und Kindern aufgebaut hat. Ihre Arbeit steht stellvertretend für das Konzept, das Unicef entwickelt hat: lokal Menschen auszubilden, die als „case worker“ die Community im Blick haben, Probleme in Familien rechtzeitig erkennen und mit der nötigen Sensibilität und kulturellem Hintergrund auf die Menschen zugehen können.

Kleine Erfolge

 Pililani (12) und ihre kleine Schwester Oniya erzählen nur zögerlich von ihren Träumen und Wünschen. Die ältere Schwester hat viele Schultage verpasst, weil sie für die Familie Geld verdienen musste.
Pililani (12) und ihre kleine Schwester Oniya erzählen nur zögerlich von ihren Träumen und Wünschen. Die ältere Schwester hat viele Schultage verpasst, weil sie für die Familie Geld verdienen musste. Foto: Thoko Chikondi

Und einige Dinge haben sich seit ihrem Eingreifen schon getan: Auch wenn das grüne Kleid an Oniya in Fetzen herunterhängt – immerhin sind alle Kinder sauber angezogen, freut sich Hanna. Die Familie konnte waschen. Außerdem steht auf dem kleinen Grundstück schon das Material für die wichtige Dachreparatur bereit. Die Löcher müssen dringend geflickt werden, bevor die Regenzeit beginnt. Dazu konnte man den abwesenden Ehemann immerhin bewegen und er kommt mittlerweile ein wenig für seine Familie auf.

Auch für die Kinder habe sich die Situation verbessert: Den erwachsenen Frauen sei jetzt klar, dass die Schule der Kinder die einzige Chance für die Familie sei, aus der Misere zu entkommen. Oniya kann deshalb jetzt an dem Programm für „Frühkindliche Bildung“ teilnehmen. Ihr Bruder Junio darf sie begleiten. Der  Junge ist mittlerweile aufgetaut, spielt uns immer mal wieder kleine Streiche, versteckt sich und vertraut uns das kleine Knäuel an, das seine Familie aus verschiedenen Materialien zu einer Art Ball gebastelt hat. Sein Onkel Ibra pflückt ein paar Mangos und wir spielen eine letzte Runde Schnick-Schnack-Schnuck mit den Mädchen, bevor wir uns auf den Weg machen.

Während sich unser Jeep in Bewegung setzt, flackert das erste Mal ein Lächeln über Pililanis ernstes Gesicht. Sie winkt uns noch lange nach, während wir uns entfernen.

Dies ist eine Geschichte von Armut, aber es ist auch eine Geschichte von Hoffnung – darauf, dass Ibra eines Tages studieren kann. Dass Pililani irgendwann nicht mehr arbeiten muss. Und dass diese Familie endlich eine Perspektive für ein besseres Leben bekommt.

Kinder wie Pililani, Oniya, Junio und auch Ibra haben eine Perspektive verdient. Dafür setzt sich das Kinderhilfswerk Unicef ein und Sie können die Arbeit vor Ort mit einer Spende unterstützen. Deshlab lautet unser diesjähriges Motto „Malawi: Gebt den Kindern eine Zukunft!