Straßburg: Kilcorney telefoniert, Cox strahlt und dichtet

Straßburg : Kilcorney telefoniert, Cox strahlt und dichtet

Manchmal ist ihm der Mann im Spiegel morgens unheimlich: Dann schaut der kleine irische Uhrmachersohn beim Rasieren auf den großen Präsidenten des Europäischen Parlamentes und fragt sich: „Wo kommt der bloß her?”

Wenn Pat Cox diese Geschichte erzählt, legt sich ein zufriedenes Lächeln auf seine Lippen. Ein bisschen selbstzufrieden sogar. Bei allem verbalen „understatement” kann der 51-Jährige nicht verbergen, dass er stolz auf seine Karriere ist, stolz auf einen Aufstieg aus eigener Kraft - mit Können und Köpfchen. Und er weiß genau, dass der Ire Cox alles hat, was ein erfolgreicher Euro-Cox braucht: Eine Mischung aus Pathos und Pragmatismus, Härte und Herzlichkeit, Intelligenz und Instinkt dafür, was in welchem Augenblick angemessen ist und was ankommt.

Kompliziertes wird einfach

Vor allem aber verfügt der frühere Fernseh-Moderator über ein ausgeprägtes Kommunikationstalent, kann Kompliziertes einfach, Abstraktes konkret ausdrücken. „Technokraten-Sprache berührt die Leute nicht. Sie wollen wissen, worin Europas Mehrwert besteht”, sagt der gelernte Ökonom Cox.

Er erklärt ihn anhand von Alltagsbeispielen: Etwa der Geschichte von der einzigen Telefonzelle Kilcorneys, einem Nest in der ländlichen Einöde Corks. Der Betreiber hatte sie wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit abgebaut. Doch die Bürger wollten ihren Draht zur Außenwelt wiederhaben. Zunächst erfolglos. Dann entdeckten findige Vorkämpfer unter ihnen das EU-Recht. Es schreibt vor, dass eine ausreichende Versorgung flächendeckend sicherzustellen ist. Die Regierung intervenierte. Kilcorney bekam seine Telefonzelle zurück.

Pat Cox mag solche Anekdoten, denn sie bringen, was Europa seiner Meinung nach fehlt - der „Wohlfühl-Faktor”. Der Ire bedient ihn gerne - mit Gedicht-Zitaten und griffigen Bildern. Vom Beitritt der zehn neuen Mitgliedsstaaten schwärmt er „als Tag, an dem sich Historie und Hoffnung reimen” - eine Zeile des irischen Poeten Seamus Heaney. Die Bedeutung der Europa-Flagge erklärt er so: Die zwölf Sterne auf blauem (Himmels)-Grund symbolisieren die Träume der Europäer und führen sie in eine gemeinsame Zukunft. Eine bessere, versteht sich. Und wer daran zweifelt, bekommt Irlands Aufstieg vom Armenhaus zum Wirtschaftswunderland als Beweis geliefert.

Komplott gewittert

Ursprünglich galt Cox´ Interesse der Innenpolitik. Er schloss sich Mitte der 80er Jahre den neu gegründeten Progressive Democrats (PD) - einer Art irischer FDP - an, wurde deren Generalsekretär, führte die Splitterpartei in die Regierung. Dann unterlag er im Kampf um die Parteispitze, witterte ein Komplott und verließ die PD im Streit. Bei der Europawahl 1994 trat Cox als Unabhängiger gegen den Gründer der Progressive Democrats an - und gewann.

In Brüssel und Straßburg legte der Ire dann eine Karriere nach Maß hin. Nicht zuletzt, weil er alles, was er anpackt, mit Perfektionismus und Präzision tut - ein Charakterzug, den er wohl von seinem Vater, dem Uhrmacher geerbt hat. Ab 1994 war Cox Vize-Chef der Liberalen-Fraktion im Europaparlament, ab 1998 deren Chef und Programm-Vordenker.

Schließlich brach er mit Geschick und Kalkül das Macht-Kartell aus Christ- und Sozialdemokraten, die bis dahin den Chefposten in der Europäischen Volksvertretung meist unter sich ausgemacht hatten. Und so stieg der irische Liberale 2002 mit Unterstützung der Konservativen zum EU-Parlamentspräsidenten auf.

„Gewaltiger Kick”

„Es gibt mir schon einen gewaltigen Kick, wenn ich daran denke, dass mich allein die Menschen aus meinem Wahlkreis hierher gebracht haben und nicht irgendeine Partei”, sagt Cox rückblickend. Überhaupt spricht er viel vom Dienen, hat bei allem Ehrgeiz und Erfolg nie vergessen, dass er ein Volksvertreter ist. In seiner Heimat Cork kennen viele den Vater von sechs Kindern als geselligen Kumpel-Typen, der in gemütlicher Guinness-Runde irische Volkslieder singt und Witze erzählt.

Raus auf die Straße - zu Bauern und Bildungsbürgern - ging Cox auch für die wichtigste Aufgabe seiner jetzt zu Ende gehenden Amtszeit: die Erweiterung der Europäischen Union. Von 203 Reisen in 33 Staaten führten den Parlamentspräsidenten zahlreiche zu den Menschen in den neuen Mitgliedsländern. Nicht von ungefähr ist er für viele Osteuropäer Mr. Europe, Gesicht und Stimme Europas. „Die Kommission musste die Erweiterung vor allem als technische Herausforderung bewerkstelligen. Der Job des Parlaments-Präsidenten bestand darin, ihr eine menschliche Seite zu geben”, erläutert Cox.

Prompt hat er auch die dazu passende Geschichte fürs Herz parat, wenn er nach den Höhepunkten seiner Amtsperiode gefragt wird. Sie ereignete sich bei der Unterzeichnung der Beitrittsverträge im April 2003: Ein litauischer Freund rief damals seine Mutter in Vilnius direkt von den Athener Feierlichkeiten an. Die 94-Jährige, von sowjetischen Besatzern einst nach Sibirien vertrieben, brach in Tränen aus. Sie hatte nie gedacht, jemals erleben zu dürfen, wie die Reste des Kalten Krieges endgültig beseitigt, der Kontinent geeint wird. Cox: „Da wurde mir klar, was für die Menschen im Osten diese Reise zurück nach Europa bedeutet.”

Zum Abschluss seiner Zeit als EU-Parlamentspräsident bewies Cox nochmals Sinn für Symbolik. Die Fahnenmasten für die zehn neuen Mitgliedsländer bestellte er bei der Danziger Werft, wo der Kampf der Gewerkschaft „Solidarnosc” die friedliche Revolution im früheren Ostblock eingeläutet hatte. Zur feierlichen Begrüßungs-Zeremonie für die Neuen in Straßburg lud er dann Solidarnosc-Gründer Lech Walesa ein: „Ich fühlte mich wie ein Marathonläufer, der nach vielen Höhen und Tiefen endlich das Ziel erreicht. Völlig fertig und überwältigt vor Glück.”

Doch es gab nicht nur schöne Momente. Cox´ größte Niederlage war der Versuch, die völlig überzogene Reisekosten-Regelung für Europaabgeordnete abzuschaffen. Gegen massive Widerstände gelang es ihm zwar, im Parlament eine Mehrheit herzustellen. Allerdings nur, weil er das Vorhaben trickreich mit einer europaweiten Vereinheitlichung der Bezüge verband.

Böser Brief an Schröder

Diese hätte für deutsche EU-Volksvertreter eine Brutto-Diätenerhöhung von fast 30 Prozent bedeutet. Das Projekt scheiterte - vor allem am Einspruch Deutschlands. Erbost schrieb Cox einen Brief an Gerhard Schröder. Die Bundesregierung war seiner Meinung nach wegen einer Boulevardmedien-Kampagne gegen die Brüsseler „Abzocker” eingeknickt, hatte allein deshalb sein Herzensprojekt torpediert. Der Kanzler blieb beim „Nein”.

Auch im Plenum redet Cox Klartext, wenn er es für nötig hält. Dem österreichischen Abgeordneten Hans-Peter Martin etwa, der Kollegen Tagegeld-Schmu vorwarf, las er dort mehrmals die Leviten, geißelte dessen „Verleumdungskampagne” ohne Beweise gegen die EU-Volksvertretung und deren Mitglieder. „Ich habe an der Parlamentsspitze gelernt, dass man es nicht allen recht machen kann”, sagt Cox.

Und so gab er sich manchmal auch keinerlei Mühe, eine gewisse Aura der Unnahbarkeit abzubauen, wenn es darum ging, die 626 Europa-Abgeordneten aus 15 Mitgliedsstaaten im Zaum zu halten: „Wenn man auf dem Präsidentenstuhl sitzt, muss man der Boss sein. Nicht, dass ich ein autoritärer Mensch wäre, aber in einem so großen Parlament muss einer die Verantwortung übernehmen.”

Jeans, T-Shirt und Turnschuhe

Cathy Cox ist diese präsidiale Seite ihres Ehemannes weitgehend fremd. Sie kennt „Pat” vor allem in Jeans, T-Shirt und Turnschuhen. Denn an den raren Wochenenden zu Hause mag er es leger, geht mit Collie Bran spazieren oder mit dem jüngsten Sohn Peter zum Rugby. „Wenn ich daheim mit einem Whisky und einem guten Buch auf dem Sofa sitze, bin ich im Himmel”, schwärmt der Familienvater. Doch er würde lügen, wenn er vorgäbe, dass er sich dieses traute Glück in der irischen Land-Idylle als Dauerzustand vorstellen kann. Der 51-Jährige braucht das Rampenlicht - will sich „seiner politischen Lebensaufgabe Europa” weiter widmen, wie er es formuliert. Jedoch nicht als einfacher Abgeordneter, denn für ein Parlamentsmandat kandidiert er bei der Europawahl nicht mehr.

Am liebsten würde der kleine Uhrmachersohn aus Cork bald beim morgendlichen Rasieren im Spiegel in das Gesicht des neuen EU-Kommissionspräsidenten blicken. Sein Problem: Um diesen Posten kann man sich nicht bewerben. Die Staats- und Regierungschefs machen die Nachfolge von Romano Prodi beim Gipfel im Juni unter sich aus.

Das hält Cox aber nicht davon ab, sich für seinen Traumjob zumindest ins Gespräch zu bringen. „Wenn es eine Wahl zum Kommissionspräsidenten gäbe, hätten sie jetzt einen Kandidaten vor sich”, sagte er bei seinem Abschied in Straßburg. Und dann legte sich wieder dieses zufriedene Lächeln auf seine Lippen. Kein Zweifel. Der Ire Cox glaubt fest daran, dass die Karriere des Euro-Cox noch lange nicht vorbei ist.