Aachen: Karlspreis für einen Anti-Helden: Andrea Riccardi

Aachen : Karlspreis für einen Anti-Helden: Andrea Riccardi

Es ist so etwas wie ein ungeschriebenes Gesetz: Kein Karlspreis ohne Demonstrationen. Die lauten Grüppchen mit vornehmlich schrillen Trillerpfeifen und kräftigen Stimmbändern auf dem Aachener Marktplatz gehörten bisher einfach zu den Feierlichkeiten. Doch bei der Verleihung an Andrea Riccardi an diesem Donnerstag (21.5) wird es wohl erstaunlich ruhigbleiben.

Niemand reibt sich an dem designierten Karlspreisträger und niemand demonstriert gegen ihn.

Der Gründer der katholischen Laienorganisation SantEgidio erscheint in der Liste der Preisträger wie ein Anti-Held: Er ist kaum bekannt, ist kein Politiker und sitzt nicht am Hebel der Macht. „Wir haben bewusst keine Entscheidung für die Politik getroffen. Wir wollen die Menschen ermutigen, Europa mit eigenen Kräften von unten aufzubauen”, hatte Oberbürgermeister Jürgen Linden unlängst betont.

Riccardi erhält den Preis, weil er sich für ein menschliches und solidarisches Europa engagiert. 1968 hatte er die Gemeinschaft SantEgidio in Rom gegründet, um armen Menschen mit Kleidung und Essen zu helfen. Der Einsatz für Arme und aus der Gesellschaft ausgegrenzte Menschen zählt heute zu den wichtigsten Anliegen der Bewegung mit weltweit 50.000 Mitgliedern. Mit ihren erfolgreichen diplomatischen Bemühungen auf dem internationalen Parkett hat sich die Gemeinschaft einen Ruf als Friedensstifterin erworben.

Der Aachener Oberbürgermeister drückt es zwar etwas diplomatischer aus, aber die Wahl Riccardis ist wohl eine Abstrafung der Großen und Mächtigen in der Politik. Die haben es über Jahre nicht geschafft, eine EU-Verfassung auf die Beine zu stellen. Und beim EU- Reformvertrag, der die europäische Verfassung ersetzen soll, gibt es ebenfalls noch kein Licht am Ende des Tunnels. Daran hat auch der Karlspreis an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im vergangenen Jahr nichts geändert, von dem man sich in Aachen einen neuen Impuls für das krisengebeutelte Europa erwartet hatte.

„Riccardi steht als Symbol dafür, dass die Politik in Europa keine großen Fortschritte gemacht hat”, sagte Linden. In der Situation ist Riccardi wohl als Gegenentwurf dafür zu verstehen, dass Europa „von unten wächst”. Das werde der Römer wohl auch in seiner Rede deutlich machen, erwartet Linden. Mit der wenig spektakulären, aber ehrlichen Wahl besinnen sich die Aachener auf das, was vor der eigenen Haustür im Dreiländereck so gut funktioniert: Auf die Menschen, die schon Europa leben, während die Politik noch streitet.

Bei Riccardi geht es um zivilgesellschaftliches Engagement. Dafür stehe auch der Karlspreisträger aus dem Jahr 2004, Pat Cox, ehemaliger Präsident des Europaparlaments und mittlerweile Präsident des Netzwerks Europäische Bewegung, teilte das Karlspreisdirektorium mit. Cox wird die Laudatio halten. Entgegen den Gepflogenheiten wird es beim Festakt im Krönungssaal des Aachener Rathauses einen weiteren Redner geben, den früheren Direktor des Internationalen Währungsfonds, Michel Camdessus. Wer sich nächsten Donnerstag sonst noch angesagt hat, ist öffentlich nicht bekannt. Da gibt man sich noch etwas zugeknöpft.