1. Karlo Clever

Stolpersteine: Wer putzt und liest, vergisst nicht

Stolpersteine : Wer putzt und liest, vergisst nicht

Finja aus der Stadt Siegen putzt viereckige Metall-Platten auf dem Gehweg. Jede Platte erinnert an einen Menschen. Finja möchte, dass diese Menschen nicht vergessen werden.

Mit der Zeit werden sie immer schmutziger und matter. Dann sind sie leicht zu übersehen. Die drei Platten aus Metall sind wie Pflastersteine in den Boden des Gehwegs eingelassen. Wer genau hinschaut, sieht in jedem Stein einen Namen und ein paar Infos eingeritzt.

Diese Platten erinnern daran, wer früher einmal in dem Haus wohnte, vor dem sie liegen: David und Debora Kogut sowie deren Tochter Hedwig Kogut. Sie lebten vor ungefähr 80 Jahren in dem Haus in Siegen im Bundesland Nordrhein-Westfalen. Das war zur Zeit der Nationalsozialisten. Oft werden diese mit dem Wort Nazis abgekürzt. Die Nazis bedrohten und töteten viele Leute, etwa Menschen mit jüdischem Glauben.

Von den Nazis ermordet

Die Steine erzählen, dass die Familie Kogut im Jahr 1942 gezwungen wurde, mit dem Zug nach There­sienstadt zu fahren. In einem Lager dort wurden die drei ermordet. Insgesamt brachten die Nazis etwa sechs Millionen Juden um. Auch Menschen mit Behinderungen etwa wurden von ihnen getötet.

All das zu wissen, macht traurig. Das findet auch die elf Jahre alte Finja. Deshalb ist sie froh, etwas tun zu können: die Steine zu reinigen. Gemeinsam mit anderen Kindern in Siegen hat sie einige solcher Metallplatten wieder zum Glänzen gebracht.

 Die elf Jahre alte Finja putzt Stolpersteine in ihrer Heimat Siegen.
Die elf Jahre alte Finja putzt Stolpersteine in ihrer Heimat Siegen. Foto: dpa/Claudia Irle-Utsch

„Erst muss man den groben Schmutz mit einem feuchten Tuch abwischen, dann eine Reinigungspaste auftragen. Man wartet eine Weile und kann nun polieren“, erklärt sie. Zehn bis 15 Minuten kräftig wischen, dann ist die Schrift auf dem Metall wieder deutlich zu lesen: „Hier wohnte ...“, steht dort jeweils.

Ausgedacht hat sich die Steine der Künstler Gunter Demnig. Die Idee dahinter: Fußgänger sollen die Steine sehen, anhalten und darüber nachdenken. Deswegen nennt er sie Stolpersteine. So sollen die Menschen, die die Nazis getötet haben, nicht vergessen werden.

Finja hilft nicht nur beim Reinigen der Steine. Sie interessiert sich auch für die Geschichte der Menschen auf den Steinen. Im Internet erfährt sie zum Beispiel, dass David und Debora Kogut neben Hedwig noch vier weitere Kinder hatten. Sie haben die Nazi-Zeit überlebt.

Absolut spannend findet Finja, dass sie mit einem Mann sprechen konnte, der damals gelebt hat. Helmut Stücher war knapp neun Jahre alt, als die Familie Kogut von der Polizei abgeholt wurde. Er wohnt noch heute in dem Haus und hat nie vergessen, was damals passiert ist. Herr Stücher sagt, sein Vater sei sehr nett gewesen und habe damals einige Zimmer an die Familie Kogut vermietet. Er findet: „Alle Menschen sind Brüder.“ (dpa)

(dpa)