Kabul: Wer ist ein Drachenläufer?

Kabul : Wer ist ein Drachenläufer?

Salim kauft sich einen neuen Drachen. Diesmal ist es ein knallgelber mit Spiderman drauf. Salim ist zehn Jahre alt und total verrückt nach dem Drachenfliegen. Ein bisschen angeberisch sagt er: „Ich bin der beste Drachenläufer in meinem Viertel.“ Salim lebt in Kabul. Das ist die Hauptstadt des Landes Afghanistan. Um dahin zu kommen, muss man mindestens zehn Stunden mit dem Flugzeug fliegen.

Das Drachenfliegen ist für viele Jungen in Afghanistan, was das Fußballspielen für deutsche Kinder ist: ein Lieblingssport, der jede freie Minute füllt. Die Drachensaison dauert in Kabul noch bis Ende April. Dann ist es schön windig und die Drachen fliegen hoch. Der Himmel über der Stadt ist voll bunter Tupfer.

Salim sagt, der beste Platz sei das Dach. „Da ist es windiger als auf der Straße.“ Dächer sind in Afghanistan oft flach und man kann auf ihnen rennen. Das ist aber auch gefährlich. Immer wieder fallen Kinder von Dächern runter.

Wie eine Kirmes

Am Wochenende spielen sie deshalb am liebsten auf den Hügeln. Auch Eisverkäufer kommen dorthin. Außerdem Musiker und Menschen, die Ritte auf Pferden anbieten. Die Drachensaison ist also fast wie eine lange Kirmes.

Salim holt sich neue Drachen immer im größten Drachenladen des Landes in der Altstadt von Kabul. Hunderte Drachen liegen hier in den Regalen, in allen Farben und Größen. „Wir haben jeden Tag bis zu 3000 Kunden aus dem ganzen Land“, sagt ein Verkäufer. 600 Angestellte machen nichts anderes, als für den Laden Drachen zusammenzukleben. Ein Drachen kostet zwischen 20 und 4500 Afghani — so heißt die Geldwährung in Afghanistan. Das sind weniger als ein halber Cent bis zu rund 50 Euro. Salims Familie ist nicht reich. Sein Vater verkauft Gemüse von einem Karren auf der Straße.

Seine Drachen muss Salim deshalb selbst bezahlen. Also hat er sich einen Job ausgedacht, mit dem er sich ein Taschengeld verdient. Vor der Schule kauft Salim auf dem Markt einen Stapel Plastiktüten. Dann stellt er sich an die Straße und verkauft sie etwas teurer weiter. Für Salim und die anderen afghanischen Kinder ist das Drachenfliegen aber mehr als Spaß — es ist ein Wettkampf. Das Ziel ist, mit der Schnur des eigenen Drachen die Schnur eines gegnerischen Drachen abzuschneiden. Die Schnüre sind scharf: gehärtet mit fein gemahlenem Glas. „Um sich nicht in die Finger zu schneiden, muss man Pflaster draufkleben“, sagt Salim. „So gewinne ich viele Drachenkämpfe!“

(dpa)