1. Karlo Clever

Karlo Clever: Was unsere Handschrift verrät

Karlo Clever : Was unsere Handschrift verrät

Grafologen versuchen, aus der Art, wie ein Mensch schreibt, Rückschlüsse auf seine Persönlichkeit zu ziehen. Wissenschaftler vermissen aber Beweise für solche Deutungen.

Mit prüfendem Blick betrachtet Sulamith Samuleit ein beschriebenes Blatt Papier. „Wer das geschrieben hat, ist recht ehrgeizig“, sagt die Frau. „Derjenige ist aber auch schüchtern und unsicher.“ Woher weiß Sulamith Samuleit denn das? Ist sie etwa Wahrsagerin? Nein. Die Frau ist Lehrerin von Beruf. Aber sie beschäftigt sich auch viel mit Handschriften.

Dabei schaut sie sich nicht an, was in einem Text steht. Sie untersucht vielmehr, wie die Schrift aussieht. Das Deuten von Handschriften wird auch Grafologie genannt. Grafologen versuchen, aus der Handschrift eines Menschen auf dessen Persönlichkeit zu schließen. Sie wollen am Schriftbild erkennen, ob jemand zum Beispiel zurückhaltend oder offen ist.

Andere Experten zweifeln daran, dass das geht. Sulamith Samuleit aber sagt: „Gefühle wie Freude oder Zorn drücken wir oft durch Bewegungen und Gesten aus.“ Die Schrift sei eine Geste auf Papier. Die Art und Weise, Buchstaben und Schriftzeichen zu setzen, habe auch etwas mit unserer Persönlichkeit zu tun.

Die Grafologie gibt es schon weit mehr als hundert Jahre. Manchmal lassen sogar Firmen die Unterschriften ihrer Mitarbeiter von Grafologen untersuchen. Doch viele Wissenschaftler halten das für sinnlos.

Den Wissenschaftlern fehlen die Beweise der Grafologen für deren Deutungen. Setzt jemand die Buchstaben eng zusammen, deuten Grafologen: Der Mensch ist ängstlich. Sie schauen aber nicht unbedingt, ob vielleicht auch sehr viele mutige Menschen die Buchstaben eng nebeneinander setzen. Dieses Vorgehen kritisiert zum Beispiel der Wissenschaftler Uwe Peter Kanning.

„Tatsache ist, dass sich das Deuten von Handschriften schwer messen lässt“, sagt Sulamith Samuleit. „Auch darum kann man Grafologie nicht an einer Universität studieren.“ Doch es gibt einen Verband, der einem das Deuten beibringt.

Sulamith Samuleit erklärt, worauf sie und ihre Kollegen unter anderem achten: Weit und offen geschriebene Buchstaben zeigen zum Beispiel Aufgeschlossenheit an, sagt sie. Schreibt jemand Buchstaben wie das b, f oder l weit in die Höhe, sei dies ein Zeichen für Ehrgeiz.

(dpa)