1. Karlo Clever

Interview mit Virologin Sandra Ciesek: Alltag gefährlicher als Laborarbeit

Interview mit Virologin Sandra Ciesek : Alltag gefährlicher als Laborarbeit

Ihr Beruf ist in diesem Jahr ein großes Thema: Sandra Ciesek ist Virologin. Sie kennt sich also super etwa mit dem Coronavirus aus. Wir haben sie gefragt, ob sie Angst hat, sich anzustecken.

Wie verbreiten sich Viren? Wie wird man sie wieder los? Solche Fragen haben sich fast alle Menschen in diesem Corona-Jahr gestellt. Sandra Ciesek kann sie beantworten. Sie ist eine der bekanntesten Virologinnen in Deutschland.

Frau Ciesek, was interessiert Sie an Viren, die kann man ja nicht mal sehen?

Sandra Ciesek: „Genau das finde ich eigentlich spannend, dass man sie mit bloßem Auge nicht sehen kann und dass sie trotzdem ganz unterschiedliche Krankheiten auslösen können: von Durchfall über Schnupfen, über Husten oder auch im schlimmsten Fall sogar Krebs. Außerdem kann man Viren schon sehen, man braucht nur ein spezielles Mikroskop dafür.“

Wuseln Viren eigentlich hin und her, wenn Sie sie unter dem Mikroskop anschauen?

Ciesek: „Wenn wir sie anschauen, sind sie oft festgemacht, sag ich mal, sie bewegen sich nicht. Oft sind das einfach runde Punkte, die zum Beispiel wie eine ganz kleine Sonne aussehen. Das Coronavirus heißt sogar deshalb so.“

Und wie klein sind Viren genau?

Ciesek: „Viren sind so winzig klein, dass man eine unvorstellbar große Menge Viren in einen Stecknadelkopf packen könnte, wahrscheinlich Hunderte Millionen. Man muss aber auch wissen, dass nicht alle Viren die gleiche Größe haben. Es gibt große Viren, und es gibt ganz kleine Viren. Aber selbst die größten Viren sind für uns winzig klein und nicht durch ein normales Mikroskop zu sehen.“

Sie arbeiten ständig mit Viren: Haben Sie nicht Angst, sich dabei anzustecken?

Ciesek: „Also Angst ist vielleicht der falsche Begriff, weil ich ja weiß, wie man sich schützen kann. Ich habe Respekt. Man darf nicht leichtsinnig sein. Es gibt auch Viren, die sind ganz harmlos. Die machen nicht wirklich krank. Es gibt aber auch Viren, die sind sehr gefährlich, zum Beispiel das Ebola-Virus. Die Angst kann man am besten loswerden, indem man viel über das Virus lernt, wie es zum Beispiel von einem Menschen auf den anderen übertragen wird, wie man einen Menschen am besten behandeln kann.“

Wie viel Schutzkleidung müssen Sie bei der Arbeit tragen?

Ciesek: „Wenn wir im Labor mit dem neuen Coronavirus arbeiten, muss man sich gut schützen. Dann braucht man zum Beispiel einen Anzug oder einen speziellen Kittel. Man trägt Handschuhe, eine Schutzbrille und natürlich auch eine Maske, die sicherer ist als die Alltagsmasken. Ich arbeite aber im Moment hauptsächlich am Schreibtisch und schreibe viel. Da brauche ich keine Schutzkleidung. Hier sitze ich ganz normal und habe nur einen Mund-Nasen-Schutz auf, um meine Kollegen nicht möglicherweise anzustecken.“

Sandra Ciesek ist Virologin. Auch im Labor schützt sie sich gut vor den Krankmachern. Foto: dpa/Frank Rumpenhorst

Werden Virologen trotzdem häufiger krank?

Ciesek: „Durch das sorgfältige Arbeiten und die Vorschriften steckt sich im Labor zum Glück fast nie jemand an. Das ist eigentlich viel sicherer, als wenn man jetzt zum Beispiel in große Menschenmengen geht. Im Alltag ist die Gefahr sicherlich größer als hier im Labor, wo man sich kontrolliert schützen kann.“

Warum werden Kinder durch das Coronavirus nur selten schwer krank?

Ciesek: „Genau wissen wir es nicht. Eine Überlegung ist: Ein Virus braucht immer eine Zelle von uns Menschen, um sich zu vermehren. Um in die Körperzellen zu gelangen, braucht es eine ganz bestimmte Struktur auf dieser Zelle, um anzudocken. Diese Struktur haben Kinder anscheinend weniger als Erwachsene.“

Welche Gründe gibt es noch?

Ciesek: „Ein anderer Grund ist, dass Kinder einfach ein ganz tolles Immunsystem haben, also eine tolle Körper-Polizei. Die führt dazu, dass sie das Virus schneller stoppen können als Erwachsene oder insbesondere alte Menschen.“