Heinsberg-Oberbruch: Jugendliche Straftäter sind Thema beim Gesprächsabend „auf der Couch”

Heinsberg-Oberbruch: Jugendliche Straftäter sind Thema beim Gesprächsabend „auf der Couch”

„Auf der Couch - Gesprächsabend für Erwachsene”, so heißt ein Diskussionsforum der Evangelischen Kirchengemeinde Heinsberg im Gemeindezentrum der Erlöserkirche.

Zuletzt lautete das Thema: „Wer ohne Sünde ist..! - Wie gehen wir mit entlassenen Straftätern in unserer Gemeinschaft um?

Polizist und Seelsorger

Den Platz „auf der Couch” teilten sich der Gefangenenseelsorger der JVA Heinsberg, Günter Pilger, und Franz Heinrichs, Leiter des Kommissariats Vorbeugung und Jugendbeauftragter der Kreispolizeibehörde. Hausherr Pfarrer Günter Rosenkranz wies darauf hin, dass an diesem Abend jugendliche Straftäter im Mittelpunkt stehen sollten.

Der Anlass der Veranstaltung, so erläuterte Moderatorin Zita Meuffels-Kleinen, sei zwar die aktuelle Situation um den entlassenen Sexualstraftäter Karl D. gewesen. Aber bei der Vorbereitung des Gesprächsabends hätte sich eine rechtlich so komplexe Situation gezeigt, dass man zu dem Entschluss gekommen sei, diese Thematik auszuschließen und sich der Lage jugendlicher Straftäter im Kreis Heinsberg zu widmen.

Pfarrer Günter Pilger machte klar, dass der Aufenthalt in der JVA kein „Zuckerlecken” für die jungen Straftäter ist. Die ersten vier Wochen verbringen sie in einer Einzelzelle, in Häftlingskleidung und ohne jegliche Medien. Später können sie durch Disziplin und Engagement Punkte sammeln, die kleine „Privilegien” bringen: Einen Fernseher oder ein Radio in der Zelle, Privatkleidung und anderen persönlichen Besitz.

Natürlich müssen sie diese Dinge selbst finanzieren. Die Verbesserungen verfallen sofort, sollten die Verhaltensregeln der JVA gebrochen werden. Gerade die „Neuen” haben Mühe, sich in ein Regelwerk einzufinden, das sie meist von „draußen” nicht kennen.

Sie müssen sich zudem einen Platz in der „Knasthierarchie” erkämpfen. Von jetzt auf gleich auf Nikotin-, Alkohol- oder Drogenentzug gesetzt, werden sie häufig leichte Beute der „Alten Hasen” (Insassen), die ihnen auch schon mal für eine Zigarette eine Jacke „abzocken”.

Die Zuhörer erfuhren, dass bereits bei der Aufnahme eine detaillierte Analyse über die Vorgeschichte des Straftäters, seine familiären Strukturen, seine Schullaufbahn und seine besonderen Fähigkeiten erfolgt.

Kriminalhauptkommissar Franz Heinrichs erläuterte, dass ein Netzwerk von Begleitung, Betreuung und Beobachtung nicht nur nach der Verbüßung einer Haftstrafe greift, sondern bereits vorher. Anhand einiger Statistiken zeigte er, wie hoch die Kriminalitätsrate jugendlicher Straftäter unter 21 Jahren ist.

Die 1800 Tatverdächtige aus dieser Altersgruppe, die pro Jahr im Kreis Heinsberg ermittelt werden, fallen mit den unterschiedlichsten Delikten vom Lippenstiftdiebstahl über Körperverletzung bis hin zu Tötungsdelikten auf. Dennoch widersprach Franz Heinrichs dem Eindruck, dass die Jugend immer krimineller werde.

Die meisten Täter würden nur einmal auffällig, weil ihnen die Polizei in einer offiziellen Vernehmung sehr eindringlich die Folgen aufzeigt. Auffällige Missstände im unmittelbaren sozialen Umfeld melden die Beamten den zuständigen Behörden (vorrangig dem Jugendamt).

Den etwa 80 Intensivtätern im Kreis Heinsberg gilt das besondere Augenmerk der Polizeibehörde. Jeder Beamte in der Polizeibehörde kennt den Steckbrief dieser Straftäter mit Konterfei, Adresse, sozialem Umfeld und mit seinem Strafregister. Unangemeldet werden die Jugendlichen zu Hause aufgesucht oder unvermittelt auf der Straße angesprochen. Sie sollen wissen, dass sie unter Beobachtung stehen.

Junge Leute engagieren sich

Franz Heinrichs betonte, dass der größte Teil der Jugendlichen eben nicht straffällig würde, sondern sich im Gegenteil für andere engagiere. Eine große Rolle spiele hierbei die Jugendarbeit in den Vereinen, den Kirchen und Jugendeinrichtungen und nicht zuletzt ein tragfähiges Elternhaus sowie das Vorbild der Erwachsenen im sozialen Miteinander.

Die Eingangsfrage wurde in sofern beantwortet, dass sich der Staat und viele soziale Einrichtungen bemühen, jungen Menschen Hilfe bieten, um in die Mitte der Gesellschaft zurückkehren zu können. Allerdings herrscht bei vielen Behörden ein großer Mangel an geeignetem Personal. Den Zuhörern wurde noch einmal bewusst, dass es zur Resozialisierung wichtig ist, hinter dem Straftäter weiterhin den Menschen zu sehen.